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Auer/Olten: Das ganz, ganz kleine Schwein...

16.10.2008

Die Angst vor dem kleinen Teller Spinat

Natürlich wollen Kinder manchmal nicht essen. Wenn es Spinat gibt, zum Beispiel. Martin Auer erzählt von einem ganz, ganz kleinen Jungen und einem ganz, ganz kleinen Schwein, das einen ganz, ganz großen Hunger hat. Von Georg Patzer

 

Urgs. Das sieht ja grausig aus. Mit verzogenem Gesicht, heraushängender Zunge und schiefen Augen starrt der Kleine in den Topf, sein kleines Schweinchen unter dem Arm. Spinat! Urgs. Welches Kind mag das schon? Grün sieht er aus, etwas matschig.

„Soll ich dir eine Geschichte erzählen?“, sagte der kleine Tim zu seiner Mama. Aber die will nichts hören: „Jetzt ist Essenszeit.“ Das geht allerdings nicht, denn nach dem Essen ist die Geschichte weg: „Sie ist aber jetzt gerade in meinem Kopf angekommen und will gleich weiter“. Also gut.

Und dann erzählt der kleine Tim die Geschichte von dem ganz, ganz kleinen Schwein, das einen ganz, ganz großen Hunger hatte. Und dann hat das Schwein den ganzen, ganzen Schweinetrog leergefressen. Da war übrigens wohl kein Spinat drin. Und dann ist das Schwein gewachsen und mit ihm sein Hunger. Und dann war es noch nicht satt. Und so hat es immer weiter gefressen. Im Keller hat es alle Kartoffeln gefressen, im Supermarkt alle, alle Cornflakes und alle, alle Tiefkühlpizzas und alle, alle Fischstäbchen und alle, alle Schokoriegel.

Und immer ist das ganz, ganz kleine Schwein gewachsen und sein ganz, ganz großer Hunger auch. Und so hat es immer weitergemacht und alles aufgefressen. Alle Waschmaschinen und alle Fernsehgeräte. Alle Autos und alle Fahrräder. Alle Häuser, alle Schulen, alle Kindergärten, alles, alles.

Eine abstruse Geschichte erzählt Martin Auer da, von einem kleinen Jungen, der sein bisschen Spinat nicht essen will und einem ganz, ganz kleinen Schwein, das immer größer wird und einen immer größeren Hunger bekommt, je mehr es frisst. Wie eine kleine Fabel über den Zustand der Welt mutet es manchmal an, von Leuten, die den Hals nie voll kriegen können, von Leuten, deren Hunger immer größer wird, je mehr sie haben. Denn auch die fangen manchmal als ganz, ganz kleine Schweine an, sind vielleicht noch kuschelig und passen unter den Arm eines kleinen Jungen.

Manuela Oltens Illustrationen sind einfach, fast schematische Bilder, in denen die wichtigsten Dinge nur angedeutet werden, aber trotzdem viele skurrilen Details die Geschichte noch weiterführen. Mit schnellem Strich und pfiffigem Witz geht es in die unterschiedlichsten Räume, bis das Schwein so dick und hungrig wird, dass es die ganze Welt auffrisst und durch die Sternennacht davonsegelt, das grüngepunktete Spinatlätzchen in der Hand.

Ein wunderschönes Bilderbuch, das die Geschichte vom Suppenkaspar einmal andersherum erzählt. Nur der kleine Tim, der muss natürlich am Schluss seinen Spinat doch noch essen. Aber er fragt: „Ist es schlimm, wenn ich heute nur einen ganz, ganz kleinen Hunger habe?“ Nein, das ist nicht schlimm. Denn sonst wird er auch noch so gierig wie das Schwein. Und das wollen wir doch nicht, oder?

Georg Patzer


Martin Auer/Manuela Olten: Das ganz, ganz kleine Schwein mit dem ganz, ganz große Hunger
Beltz & Gelberg 2008
32 Seiten, 12,90 Euro
ISBN-13: 978-3407793676
(ab 3 Jahren)

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