Zu den Klängen von „One Fine Day“ der US-amerikanische Mädchen-Pop-Band The Chiffons – ein Quartett wie die vier Freundinnen – treffen wir sie an einem leuchtenden Herbstnachmittag wie sie singend die Nameoke Street in Far Rockaway hinunterschlendern, dem südöstlichsten Zipfel des Stadtteils Queens in New York City: Becky Bernstein, Judy O’Reilly, Elaine Silverman und Susie Scheinwald. Das modische Outfit ist die eine genauere Beschreibung wert, die ausgestopften, spitzen BHs, die haarspraysteifen Frisuren, Susies verhassten orthopädischen Schuhe. one fine day…Aus dieser noch fernen Zukunft blickt Susie zurück und erzählt ihre Geschichte: „Eines schönen Tages, weit zurück in den Sechzigern und weit weg in New York City, zu einer Zeit, als das Fernsehen noch schwarz-weiß war und man Pause macht mit Coca Cola…“
In erster Linie ist es wohl eine Geschichte über Freundschaft. Bedingungslose Freundschaft, für die man sogar Dinge tut, die man sonst nie tun würde. Beispielsweise etwas klauen. Die optimistische Susie, die verwegene Becky, die gläubige Judy und die vorsichtige Elaine ergänzen sich auf geradezu perfekte Weise – auch wenn es harte Bewährungsproben in dieser Freundschaft gibt.
Natürlich ist es aber auch eine Liebesgeschichte. Susie träumt von einem Date mit dem Kapitän eines Basketballteams und nimmt dafür jede Menge Stress auf sich, angefangen von kleinen Lügen den Freundinnen gegenüber bis zu schmerzhaften Verschönerungsversuchen. Und am Ende kommt dann doch alles ganz anders.
Was ist das Buch noch? Eine Musikgeschichte. 12 Hits der 60er liefern die Kapitelüberschriften: Pete Seegers „Turn, Turn, Turn“, „Surfin’ USA“ von den Beach Boys oder Bobby Vintons „Blue on Blue“. Songs, die man am besten hört, wenn man das Buch liest – in Erinnerungen schwelgend oder musikalisches Neuland betretend, je nach Altern vermutlich. Eine Kulturgeschichte. Denn Rahlens belässt es nicht bei der Musik, sondern lässt Tagespolitik wie das Attentat an John F. Kennedy, Filme, Bücher, das Lebensgefühl der 60er wieder lebendig werden. Was noch? Ein buntes Sammelsurium an Einwanderergeschichten. So wie die der griechischen Familie Orphanetes, die unbedingt eine Encyclopaedia Britannica für ihre drei Töchter kaufen möchte. Und da sind wir bei einer weiteren Geschichte angelangt, einer Vater-Tochter-Geschichte. Denn während drei der vier Mädels aus dem Kleeblatt etwas an ihren Vätern finden, auf das sie stolz sein können, hält Susie ihren nicht ganz grundlos für den totalen Versager. Daran ändert zuerst auch ihre gemeinsame Verkaufstour in Sachen Encyclopaedia Britannica nicht, eher sorgt die grässliche Vertretermasche ihres Vaters für weitere Peinlichkeiten. Aber auch in diese Geschichte gerät, wie in die übrigen, Bewegung.
Seite um Seite entsteht das Bild der fernen 60er, wunderbar schon auf dem Cover angedeutet, mit Anklängen an Rahlens eigene Biografie. Peppig und nostalgisch zugleich, witzig und klug, einfühlsam und überraschend. Der Kreis schließt sich, wenn Susie ihre eigene Tochter Lily und deren Freundinnen Britney und Adele beobachtet, wie sie singend die Treppe runterpoltern zum neuesten Hit der deutschen Popband King of Prussia. Schreib das auf, Scheinwald! Wir lesen gern noch mehr davon!
Andrea Wanner
Holly-Jane Rahlens: Mein kleines großes Leben. Ab 12 Jahren.
Rowohlt 2008.
Gebunden 270 Seiten.
12,95 Euro.
ISBN 978-3-499-21446-2