Bereits auf dem Cover verrät der Junge seine Motivation: „Mein Name ist Sam: Ich bin elf Jahre alt. Ich sammle Geschichten und interessante Tatsachen. Wenn du das hier liest, bin ich vermutlich schon tot.“
Viel direkter ist der Einstieg nicht möglich. Sam spielt dem Leser gegenüber mit offenen Karten. Er hat Leukämie und ist austherapiert, d.h. die Ärzte haben alles probiert. Was jetzt noch helfen könnte, wäre höchstens ein Wunder. Aber Sam erzählt nicht von Wundern sondern von seinem Alltag. Der sieht so aus, dass er an drei Tagen in der Woche Unterricht hat. Allerdings nicht wie andere Kinder in der Schule sondern zuhause im Wohnzimmer. Die Frage, warum man lernen muss, wenn man eh nicht mehr lange zu leben hat, stellt Sams „Mitschüler“, der ebenfalls krebskranke, 13jährige Felix. „Was hat man denn vom Kranksein, wenn man trotzdem Mathe machen muss?“, provozierte er die Lehrerin Mrs. Willis, deren Klasse grad mal aus diesen zwei Schülern besteht. Eine Antwort bekommen sie nicht, stattdessen fordert die einfallsreiche Pädagogin die beiden dazu auf, etwas über sich selbst zu schreiben. Während der eine sich auf „Ich heiße Felix Stranger und“ beschränkt, beginnt der andere tatsächlich, ein Buch zu schreiben.
Was bedeutet "sterben"?Es ist das Buch, das wir jetzt in Händen halten und es ist ein Buch über das Sterben. Denn in diesem Punkt sieht Sam ziemlich klar. Er wird vermutlich sterben. Weil er aber an Tatsachen interessiert ist, nervt ihn, dass man über das Sterben und den Tod so wenig weiß. „Dass man stirbt, ist die schwammigste Sache überhaupt.“ Vielleicht kann man da ein paar Fakten recherchieren zu „Fragen, die niemand beantwortet“. Beispielsweise „Woher weiß man, dass man gestorben ist?“ oder „Warum müssen Menschen überhaupt sterben?“ Sam findet acht Fragen von dieser Sorte. Im Buch stehen sie in weißer Schrift auf taubenblauem Grund. Und sie handeln alle vom Tod.
Auf der anderen Seite beschäftigt ihn aber auch das Leben. In Form von Listen hält Sam Tatsachen fest: „Fünf Tatsachen über mich“, „Fünf Tatsachen über mein Aussehen“, „Wie man ewig leben kann“. 11 Listen, dunkle Schrift auf grauem Grund, fassen Sams Erkenntnisse zusammen. Dann gibt es noch die Liste Nr. 3. Sie enthält seine Wünsche an das Leben und heißt schlicht „Was ich gerne möchte“. Im Angesicht des Todes klingt sie unrealistisch. Wunsch 1: „Ein berühmter Forscher werden. Sachen herausfinden und Bücher darüber schreiben.“ Wunsch 2: „Einen Weltrekord aufstellen…“ oder Wunsch 6: „Teenager werden…“
Dem Tod eine StimmeWie kann man diese Wünsche in die Tat umsetzen? Mit 23 Jahren hat die Engländerin Sally Nichols einen wundervollen Debütroman geschrieben, in dem sie Tabus bricht. Nicht das Tabu des Sterbens: in Kinderbüchern wird schon lange gestorben. Aber das Reden über den Tod. Sam will es. Seine Lehrerin gehört zu denen, die es zulässt. Sein Vater versucht den nahenden Tod zu verdrängen. Sams Mutter macht sich sorgt sich um Alltägliches. Es ist Sams drängendes Nachhaken, sein Wissenwollen, sein Nichtausweichen, das die Stärke dieser Geschichte ausmacht, für die Sally Nichols auf einer Kinderkrebsstation und in einem Kinderhospiz recherchiert hat. Warmherzig und durchaus witzig lässt sie den Elfjährigen seine Erkenntnisse über das Lebensende sammeln. Wir gewinnen den Kampf gegen den Tod nicht, wenn wir ihn ignorieren. Sam hat das erkannt und lebt das Leben, das er hat. Auch wenn es ein kurzes ist. Irgendwann lassen sich endlich auch seine Eltern darauf ein. Und so steht am Ende ein Tod – und das Leben hat gewonnen.
Andrea Wanner
Sally Nicholls: Wie man unsterblich wird. Jede Minute zählt.
Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann
Hanser 2008
Kartoniert. 200 Seiten. 12,90 Euro.
Ab 11 Jahren
ISBN 978-3-446-23047-7