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Freitag, 25. Mai 2012 | 21:24

 

M.Cottin/R.Faría, Das schwarze Buch der Farben (ab 5)

11.12.2008


Gelb schmeckt nach Senf

Licht aus. Augen zu. Wir schauen ein Bilderbuch an. Von Andrea Wanner

 

Alles an diesem Bilderbuch von Menena Cottin und Rosana Faría ist ungewöhnlich. Das schmale, in die Länge gezogene Breitformat. Das mattschwarze Cover, auf dem nur ein paar Gräser und ein Grashüpfer in glänzendem Schwarz auszumachen sind. Die weiße Schrift verspricht ein „Buch der Farben“.

Worauf wartet man. Wahrscheinlich auf einen leuchtend bunten Kontrast zu diesem merkwürdigen Schwarz, das so gar nicht für Kinder gemacht wirkt. Das ist SCHWARZ – und umso greller werden uns gleich das ROT, BLAU, GELB und GRÜN entgegenstrahlen und wir werden sehen, wie wundervoll bunt die Welt ist.
Falsch. Die Welt bleibt schwarz. Es heißt ja auch „Das schwarze Buch der Farben“. „Sehen“ müssen wir die Farben so, wie Blinde sie sehen: mit unseren übrigen Sinnen. Uns so ist dieses Buch tatsächlich ein schwarzes Buch und wir tappen blind darin herum, versuchen zu fühlen, und an Gerüche und Geräusche, an Geschmack und an Farbe, die aus diesem Bilderbuch verbannt ist, zu erinnern.

Ein Experiment

Begleiten wir einen blinden Jungen, Thomas, durch das Buch und erleben wir mit ihm die erste Farbe: GELB. An was denken wir spontan? An Sonne, an Eigelb, an Dotterblumen vielleicht? Eine Wiese voll blühendem Raps, das Postauto, eine Zitrone oder eine quietschgelbe Badeente? „Für Thomas schmeckt die Farbe Gelb nach Senf, und sie ist so weich wie der Flaum von Küken.“ So nimmt er also diese Farbe wahr. Wir finden diesen Satz in weißer Schrift auf der linken Buchhälfte unten. Oben steht der gleiche Satz in Braille-Schrift. In dieser tastbaren Blindenschrift lassen sich Buchstaben, Zahlen und Sonderzeichen darstellen – und man braucht enormes Fingerspitzengefühl, um das geprägte Muster der Punkte, die die Zeichen darstellen, zu erspüren. Auf der rechten Seite findet man dann das „Bild“. Für die Farbe Gelb sind es die Flaumfedern, in schwarzem Relieflack auf das schwarze Papier gedruckt. Stopp, nicht mogeln. Wenn man die Seite leicht schräg gegen das Licht hält, sieht der reflektierende Lack fast silbern aus. Nein, Augen zu. Wer fühlt die Federn, die schwerelos über die Seite schweben? Senfgeschmack und weicher Federflaum: gelb.

Ein Erfolg

Ein trauriges, trostloses, tristes Bilderbuch? Überhaupt nicht! Seite um Seite merkt man, wie die eigenen Sinne wacher werden, die Finger mehr erspüren, der Geruch nach Erdbeeren aus dem Buch zu strömen scheint, wir die Wärme der Sonne auf der Haut erahnen, das Rascheln von Blättern unter unseren Füßen hören und uns gedanklich Pfefferminzeis auf der Zunge zergehen lassen.

2007 ist das Bilderbuch bereits mit dem Bologna Ragazzi Award ausgezeichnet. Gewürdigt wurde damit ein Bilderbuch, das Neuland betritt: es ist für Sehende und Blinde gleichermaßen gedacht. Für Sehende ist es nur ein winzige Ahnung, wie es sein muss, die Welt ohne Farben zu erleben. Mit Erleichterung machen wir die Augen wieder auf. Und haben vielleicht doch etwas Neues, Überraschendes gespürt, weil wir unsere übrigen Sinne manchmal doch vernachlässigen. Augen zu, wir schauen ein Bilderbuch an.

Andrea Wanner


Menena Cottin und Rosana Faría: Das schwarze Buch der Farben
Aus dem Spanischen von Helga Preugschat
Fischer Schatzinsel 2008
Gebunden. 24 Seiten. 16,90 Euro.
Ab 5 Jahren
ISBN 978-3-596-85305-2


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