Ernst Jandl: Ottos Mops hopst (ab 5)
01.01.2009
Lassen wir den Mops hopsen
Das bekannte Gedicht von Hund und Herrchen, das mit einem einzigen Vokal auskommt, dem O, liefert den Titel für eine bunte Sammlung von 16 Jandlgedichten, in Szene gesetzt von Erhard Dietl. Von Andrea Wanner
Wer sich auf Ernst Jandl und seine dichterischen Experimente einlässt, verliert schnell den sicheren Grund unter den Füßen. Was meint er? Was will er? Bedeutet das jetzt alles was oder sind es einfach geniale Wortspiele, silbenverdrehende Bastelgebilde, launige Spielversuche, absurde Komik? Erhard Dietl lädt mit seinen Radierungen dazu ein, sich den Gedichten auf eine ganz eigene Art zu nähern. Und seine Einladung gilt nicht nur Großen sondern speziell auch Kindern.
Wie das funktionieren kann, sei an einem kleinen Beispiel illustriert. Unter dem Titel „die mutter und das kind“ hält Jandl ein kurzes Gespräch zwischen den beiden fest. Zunächst äußert das Kind „üch wüll spülen“. Die Mutter entgegnet „spül düch meun künd“ Gerade mal sieben Wort, drei vom Kind, vier als Antwort von der Mutter. Eine Alltagssituation. Eine Absichtserklärung, die eigentlich als Aufforderung zu verstehen ist: „Komm, spiel mit mir!“ Und eine Antwort, in der die Absage verpackt ist: „Spiel alleine, ich hab keine Zeit.“ Ein „Zurechtrücken“ der Vokale führt zu unterschiedlichen Ergebnissen, Erhard Dietl bastelt ein kleines Missverständnis daraus. Wir sehen: ein Badezimmer, eine Toilette mit geöffnetem Deckel, ein halb abgewickelte Rolle Klopapier, auf dem Boden verstreute Spielsachen, viele davon kaputt. Ein kleines Mädchen steht neben dem Klo, die Schnur für die Spülung in der Wand. Auf dem Rand der Klobrille stehen kleine Püppchen, in der Kloschüssel schwimmt ein Segelboot mit einem Männchen an Bord. „üch wüll spülen“, ruft die Kleine. Und aus dem Off hören wir Mutters Stimme: „spül düch meun künd“.
Liebevoll arrangiert Dietl diese Situation, veranschaulicht das allein gelassene Kind, mit dem keiner spielt, schafft eine heimelige, idyllische Welt mit versteckten Abgründen und fügt dem Gedicht eine neue, kleine Katastrophe hinzu. Selber schuld, denken wir, wenn wir uns das fassungslose Gesicht der Mutter angesichts eines verstopften Klos vorstellen. Sieben Worte. Eine ganze Geschichte.
So an der Hand genommen macht der große Poet auch Kleinen Spaß. „Die Rache der Sprache ist das Gedicht“ hat Jandl formuliert. Rache kann ja bekanntlich süß sein. Jandl zu begegnen ist in jedem Alter spannend, herausfordernd und immer wieder ein neues, unerhörtes Wagnis.
Andrea Wanner
Ernst Jandl: Ottos Mops hopst (ab 5)
Mit Farbradierungen von Erhard Dietl
cbj 2008
Gebunden. 32 Seiten. 14,95 Euro.
Ab 5 Jahren
ISBN 978-3-570-13390-3