Das Mädchen, das im Alter von drei Jahren mit kurz geschorenen Haaren auf einer Toilette in einem Vergnügungspark einfach zurückgelassen wurde, ist nicht einfach. Ihre Geschichte ist die vieler problematischer Waisenkinder, die von einer Familie zur nächsten gereicht werden. Aber dieses Mal kommt alles anders. Denn plötzlich taucht Jess, eine Kinderärztin auf, und nimmt das verschlossene Mädchen einfach mit sich nach Hause.
Jetzt beginnt für alle Leserinnen – denn Mins Geschichte ist ein typisches Mädchenbuch – das Bangen um die gemeinsame Zukunft der beiden: Werden sie sich verstehen? Wird Min irgendwann auftauen und auf die freundliche Art von Jess reagieren können? Wird Jess schließlich die Geduld verlieren wie alle anderen vor ihr?
Jean Little baut um die komplizierte Beziehung viele kleine Nebenhandlungen. Da taucht Tobi auf, der Patensohn von Jess, der auch ein besonderes Verhältnis zu der Ärztin hat. Min findet einen kleinen Hund, dem übel mitgespielt wurde. Es gibt Hinweise auf Tierquälerei auf einer Tierfarm und den aktuellen Bezug zur Realität wird in den Nachrichten geliefert: Berichte über den Tsunami an Weihnachten 2004. Jess, Tobi und Min bangen um Tobis Vater, der sich zu diesem Zeitpunkt in der Krisenregion aufhält.
Die 1932 geborene Jean Little ist eine der beliebtesten kanadischen Autorinnen. Viele ihrer über 35 Bücher sind auf Deutsch erschienen, darunter „Alles Liebe, Deine Anna“. Und vieles an ihren Büchern wirkt herzerwärmend und ein bisschen sentimental.
Min hat ihrem kleinen Findelhund den Namen Emily gegeben. Emily bleibt scheu und verstört, offensichtlich hat das arme Tier wirklich Schreckliches durchgemacht. Ganz anders als der kleine Pekinesenwelpe, den Min von Jess geschenkt bekommt. Und Min? Staunend erlebt sie Jess‘ Zuneigung – und dennoch bleibt ein letzter Rest Misstrauen.
Wird es gutgehen? Es muss! Vielleicht braucht man als 10jährige zwischendurch auch solche Bücher, wo das harte Leben durch eine rosarote Brille angeschaut werden darf. Es geht gut. Rapunzel – wie Tobi wegen ihres langen dicken Zopfes nennt – wird nach langer, unglücklicher Zeit der Einsamkeit endlich glücklich. Es ist eben ein Märchen. Ein wunderschönes.
Andrea Wanner
Jean Little: Schneeengel (ab 10). Aus dem Englischen von Simone Wiemken. Arena 2008. Gebunden. 258 Seiten. 12,95 Euro.

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