Monika Feth: Der kleine Gedanke (ab 5)
22.01.2009
Von der Magie des Erzählens
Am Anfang jeder Geschichte steht ein Gedanke. Ihn zu fassen zu kriegen, ist aber alles andere als leicht, Gedanken sind eigenwillige Wesen. Am liebsten lungern sie herum. Das geht auf Dauer jedoch nicht gut. Werden Gedanken nämlich nicht gedacht, so ist es nicht nur aus mit der Geschichte, sondern auch mit ihnen. Denken ist ein Lebenselixier. Von Magali Heißler
Herumlungern
Ein Schreibtisch, das leere Blatt darauf, der Kugelschreiber unschlüssig zwischen den Fingern. Im Kopf rührt sich nichts. Durchs halboffene Fenster dringt das Zwitschern der Vögel. Der Blick schweift über die Gegenstände auf dem Tisch, Briefe und Rechnungen, Bleistifte und Briefmarken, da liegt ein Apfel, dort ein Butterkeks. Die Zeitung lockt, doch nein, es muss gearbeitet werden. Aber wo sind die Gedanken? Da läuft einer vorbei, eine winzige Gestalt, ein Körperchen aus Wörtern und Buchstaben, husch, weg ist er. An seiner Stelle sitzt die Katze da und will gekrault werden. Man krault. Und betrachtet die Gegenstände auf dem Schreibtisch, die Zettel und die Wäscheklammer, mit der die Ausschnitte zusammengehalten werden, das rote Papierschirmchen, die Schneekugel mit dem Froschkönig. Draußen hat ein Nachbar den Rasenmäher eingeschaltet. Die Katze schläft. Gedanken zeigen sich keine, dabei ist man sicher, daß sie sich in Lauerstellung befinden. Eben hat es gekichert! Und da steht ein kleiner Gedanke, ganz jung noch, mit blanken Augen und störrischen Haaren. Man packt zu. Doch der Kleine befreit sich im letzten Moment und schon ist er zum Fenster hinaus gesaust.
Herumstromern
Was es draußen alles zu erleben gibt, erzählen Monika Feth und die Illustratorin Angel Kehlenbeck in einem ganz besonders gelungenen Zusammenspiel von Wort und Bild. Die Abenteuer des kleinen Gedankens entwickeln sich aus immer neuen Kombinationen der Gegenstände auf dem Schreibtisch mit den Reizen der Außenwelt. Die Schneekugel wird zum Ei im Vogelnest, aus dem der Frosch schlüpft, die Wäscheklammer zum Segelboot. Schon schwimmen alle fröhlich auf hoher See. Das rote Papierschirmchen dient als Wanderstock oder aufgespannt als Sonnenschirm für den kleinen Gedanken, der faul auf der Mauer liegt. Aus Zeitungspapier kann man Boote falten und Flugzeuge, eine Ratte knabbert am Butterkeks, eine Amsel schnappt sich die kleine Krone des Froschkönigs. Andere Geschichten ergeben sich durch eingeschobene Blicke auf den Schreibtisch, man kann einen Teil der Texte auf den Rückseiten der Postkarten lesen - eine Postkarte ist z.B. an die Katze gerichtet - oder Rechnungen entziffern. Und mit einem Mal ist vom Apfel nur noch ein kleiner Rest übrig. Draußen muß sich der kleine Gedanke inzwischen damit auseinandersetzen, was aus ihm werden soll. Dass Gedanken immer schwächer werden, wenn sie sich nicht denken lassen, wie es der alte Gedanke erzählt, behagt ihm nicht. Recht widerwillig gibt er nach und sucht sich jemanden, der ihn denken kann. Ein Hund? Der Mann auf der Bank? Oder lieber ein Kind?
Ankommen
Am Ende schließt sich der Kreis. Der kleine Gedanke landet erneut auf dem Schreibtisch der Erzählerin, dieses Mal läßt er sich einfangen. Kurz darauf ist auch das leere Blatt nicht mehr leer. Oder hat es sich etwa gefüllt, während der kleine Gedanke noch auf Abenteuerreise war? Innen und außen haben sich endgültig verbunden, die Welt draußen ist zugleich im Kopf der Erzählerin. Der schlichte Handlungsfaden ist zu einem bunten und vielschichtigen Gewebe geworden, weitere Fäden haben sich entwickelt, aus denen man beim Lesen und Schauen selbst neue Geschichten spinnen kann. Konkrete Überlegungen zum Prozeß der Kreativität verbinden sich mit dem Zauber des Erzählens. Die ganze Geschichte ist authentisch und magisch zugleich, kindgerecht-spielerisch, aber nie vereinfacht oder gar banalisierend. Das ist zu beträchtlichen Teil auch das Verdienst der zeichnerischen Umsetzung. Alltägliche Gegenstände enthüllen eine märchenhafte Doppelexistenz. Gebundenheit und Freiheit, Erdverbundenheit und schöpferisches Schweben sind auf höchst originelle Weise thematisiert und verknüpft. Fantasie und Arbeit sind zwei Seiten einer Medaille. Ein ganz wunderbares Bilderbuch, das nicht nur das Kind in der Geschichte glücklich lächeln läßt.
Magali Heißler
Monika Feth: Der kleine Gedanke. Illustriert von Angela Kehlenbeck. Bilderbuch ab 5 Gebunden. 32 Seiten. 12, 90 Euro Boje 2008. ISBN: 9783414820884
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