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Freitag, 25. Mai 2012 | 21:25

Suzy Lee: Welle (ab 4)

26.02.2009

Das ist die perfekte Welle

... oder auch nicht, wenn sie einen so erwischt wie das kleine Mädchen, das einen spielerischen Tanz in der Brandung des weiten, weiten Meeres bestreitet und dabei ziemlich nass wird. Und das alles wird höchst lebendig, aber ganz ohne Text erzählt. Von BEATE MAINKA

 

Im Querformat über eine Doppelseite erstreckt sich das immer gleiche Szenario: ein Sandstrand, eine Dünenkette am Horizont, das Meer, fünf Möwen und ein kleines Mädchen im leichten Sommerkleid. Mehr braucht die international anerkannte Bilderbuchkünstlerin Suzy Lee aus Südkorea nicht, um ihre Geschichte vor dem Auge des Betrachters auszubreiten. Am Anfang kommt die Mutter mit ihrer kleinen Tochter an den Strand und das Mädchen rennt begeistert zum Wassersaum. Staunend bleibt es dort stehen, immer misstrauisch beäugt von einer Bande vorwitziger Möwen. Sie rennt vor und zurück, wagt sich immer weiter vor ins Wasser, planscht und spritzt. Die Möwen umspielen sie dabei. Aber dann kommt sie, die ganz große Welle und noch während das übermütige Mädchen ihr die Zunge herausstreckt, bricht sie und man sieht zunächst nur schäumendes Wasser. Die nächste Seite offenbart ein verblüfftes, pitschnasses Kind, dem aus sicherer Entfernung eine Möwe (vielleicht sogar ein wenig hämisch) zusieht. Doch der Schreck ist schnell überwunden, denn die Welle hatte Schätze dabei, Muscheln, Schnecken, Krebse und Seesterne. Die Möwen picken sich die Leckereien heraus und das Mädchen sammelt die kostbaren Hinterlassenschaften des Meeres begeistert ein und zeigt sie stolz seiner Mama. So endet ein wunderschöner Tag am Meer, die Möwen fliegen fort und das Mädchen verlässt mit einem letzten sehnsüchtigen Blick zurück an der Hand der Mutter den Strand.

Die asiatische Kunst des Minimalismus

Nur drei Farben braucht Lee, um ihren Bildern Plastizität zu verleihen, Weiß für den Strand, ein Himmelblau für das Meer und alle Dinge, die nach und nach nass werden wie etwa das Kleid des Mädchens und einen kräftigen schwarzen Kohlestrich in allen Schattierungen bis hin zu einem hellen Grau für ihre Protagonisten. Damit schafft sie eine so dichte Atmosphäre, dass man fast das Meeresrauschen und Möwengeschrei zu hören meint. Wenige Veränderungen an den Figuren drücken eine ganze Bandbreite an Gefühlen aus, sogar die Möwen spiegeln diese wider, ohne vermenschlicht zu wirken. Da bekommt eine ganz einfache Geschichte einen zauberhaften Glanz, da drückt Lee gekonnt die Freude an den Schönheiten der Natur aus, und – das ist das Verblüffende und Geniale an diesem Bilderbuch – da vermisst der kleine und große Betrachter nicht eine Sekunde den begleitenden, kommentierenden Text. Er braucht ihn einfach nicht, die Bilder sprechen für sich.

So ist dieses wunderschöne Bilderbuch ein hinreißendes Beispiel dafür, dass es eben doch und durchaus einen Unterschied zwischen echter Illustrationskunst und knallbunter Kinderbelustigung gibt. Hier wird eine Illustratorin großen und kleinen Lesern gerecht, den Kleinen, indem sie sie künstlerisch nicht überfordert und den Großen, indem sie sie in ihrer Ästhetik durchaus ernst nimmt, ohne ihr kindliches Vergnügen beim gemeinsamen Betrachten eines Kinderbuches zu schmälern. Denn das ist die wahre Kunst bei der Gestaltung eines Bilderbuches: die Kleinen zu unterhalten, ohne die Großen zu langweilen!

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