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Freitag, 25. Mai 2012 | 21:25

Gudrun Mebs: Schutzengel mit Segelohren (ab 9)

12.03.2009

Dodo darf auch eine eigene Meinung haben

Gudrun Mebs erzählt eine kunstvoll einfache Geschichte. Von GEORG PATZER 

 

Ganz einfach hat sie es nicht mit Gloria: Gloria ist anspruchsvoll. Alles muss passen. Wenn sie nach Hause kommt, muss man sie oft trösten, muss ihr zuhören, sie umsorgen. Umarmen darf man sie aber nicht immer. Einmal gelang es: „’Gloria!’ hab ich gerufen und mich mit meinem Wollpaket in ihre Arme geschmissen. Sie hat es zugelassen und mir einen Kuss auf die Kapuze gegeben. Ich hab gewusst, dass ich sie umarmen darf. Hier ist ja Publikum.“ Es ist nicht immer leicht, ihre Wünsche zu erraten. Aber Dorabella hat schon Übung darin.

Dabei ist doch eigentlich Dorabella das Kind und Gloria die „Mom“. Eigentlich sollte es doch genau andersherum sein. Dass die Mutter für ihr Kind sorgt, ihr die Hausschuhe mit den Hasenpuschelohren besorgt, damit sie sich nicht erkältet. Für sie kocht, ihr vorliest, sie ins Bett bringt, ihr das Stricken beibringt, mit ihr spielt. Aber die Welt ist nicht immer, wie sie sein sollte. Und so nimmt Dorabella die Verantwortung auf sich: für die kalte und öde Wohnung, für die Stimmungen ihrer Mutter, für ihre Stimme und ihre Karriere als Opernsängerin.

„Das versteht du doch, Schätzchen?“

Dieser schreckliche Satz kommt immer wieder vor im neuen Buch von Gudrun Mebs. Mit diesem Satz stellt die Mutter ihre Bedürfnisse an die erste Stelle. Natürlich „versteht“ das Kind ihre Mutter, denn schließlich muss die ja das Geld verdienen. Aber ihre eigenen Bedürfnisse? Dass sie auch mal Dodo sein will, das kleine Mädchen, das ein bisschen zu dick ist und aus lauter Kummer immer dicker wird, sich im Kaufhaus aus Langeweile und Frust eine ganze Tafel Schokolade auf einmal einverleibt.

Erst als Karl in die Wohnung einzieht, von Gloria fürs Aufpassen bezahlt, ändert sich Dodos Leben. Er bringt ihr bei, dass man auch Spaß haben kann, dass man auch mal verrückt sein darf, dass es nicht immer um Gloria gehen muss. Er wird zu ihrem Schutzengel, der sie an das Leben heranführt und sie ermuntert, rauszugehen. Nicht nur aus der Wohnung, sondern auch aus sich. Zu entdecken, dass sie auch eine eigene Meinung und eigene Gefühle hat, haben darf. Dass sie auch einen eigenen Geschmack hat, ihre kitschigen Hausschuhe anziehen darf, die Gloria nicht mag. Und sogar Gloria ändert sich dann ein bisschen. Wird etwas sorgsamer, will nicht immer nur fliegen, „wegfliegen, und singen… singen…“. Und selbst Karl lernt noch dazu, denn auch er braucht manchmal einen Schutzengel.

In der ganzen Kinderbuch-Fantasywelle ist Gudrun Mebs’ neues Buch eine wohltuend einfache, alltägliche Geschichte. Konsequent aus der Innenperspektive, in innerem Monolog, mit kunstvoll einfachen Worten erzählt es von einem dicken, einsamen Mädchen und seiner Mutter, von den zerbrechlichen Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen, von Verlassenheit, aber auch von Selbstbewusstsein und Veränderung. Das geht nicht ohne Schmerzen, ohne Staunen: „Was traue ich mich denn da?“ fragt sich Dodo einmal. Ja, sie traut sich, und am Schluss hat sie sich das große Fest verdient.

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