Nadia Budde – dieser Name steht seit einigen Jahren verlässlich für herrlich schräge Bilderbücher. Für ihren Erstling „Eins, zwei, drei, Tier“ erhielt die 1967 in Ostberlin geborene Künstlerin gleich den Deutschen Jugendliteraturpreis, es folgten weitere Auszeichnungen für „Trauriger Tiger toastet Tomaten“, „Kurz nach sechs kommt die Echs´“ und „Flosse, Fell und Federbett“. Schon an den Titeln wird ein markantes Stilmerkmal deutlich: Nadia Budde liebt das assoziative Sprachspiel und zelebriert es lustvoll mit all seinen Reimen und Lautmalereien. Bei ihr kann man mit Schaben traben, mit Hechten fechten oder mit Mopsen hopsen... Kongenial sind dazu die markanten Illustrationen: Mit dicken, schwarzen Umrissen kritzelt und krakelt sie gar seltsame Tiere und Wesen, gibt ihnen mit wenigen Strichen einen ausgesprochen eigenwilligen Charakter und setzt sie dann selbstbewusst in fast leere, monochrome Bildhintergründe. Das wirkt plakativ, steckt aber voller Hintersinn, ist originell, witzig und geistreich und funktioniert auch noch prima bei den Großen.
Rotz, Schorf und Tränen
Für die hat Nadja Budde jetzt zum ersten Mal ein Buch gemacht, noch dazu eines über die eigene Kindheit. Zwar ohne Reimereien, dafür aber nicht weniger sprach- und bildermächtig. Eine Art Erinnerungsbuch mit doppelseitigen Zeichnungen zwischen Comic und Graphic Novel, in dem sie langvergangenen Gefühlen, Gerüchen und Momenten quasi aus dem Kinderbauch heraus noch einmal nachspürt und damit einem Stück Kindheit, wie es nun mal ist: Voller Rotz, Schorf und Tränen, klebriger Finger, großer Geheimnisse, kleiner Fiesheiten und jeder Menge Wunder. Ein wichtiger Teil davon sind ihre Jahre in einem brandenburgischen Dorf: Umgeben von Kittelschürzen und Kopftüchern, selbstgemachtem Eierlikör, haarigen Achselhöhlen und jeder Menge lebendiger und toter Tiere. Vor allem aber von den geliebten Großeltern. Voller Zärtlichkeit erweckt Budde ihren kettenrauchenden Traktoristen- Opa samt seinem zerfurchten Nacken zum Leben, zeichnet ihre ganz persönliche Hommage an die lärmenden, lebhaften Feldfrauen, die ständig totgefahrenen Kätzchen namens Mauz und all die feuchtfröhlichen Feste.
Als Pendant gibt es dann auch noch die Kindheit in der Stadt: Wie es war in den labyrinthischen Plattenbau- Hochhäusern in Ostberlin, mit ihren spannenden Fahrstühlen, geheimnisvollen Müllschluckern und strengen Hausmeistern, bei denen man gesetzlich verpflichtet seinen Westbesuch anmelden musste. Wie Kraut und Rüben packt Nadia Budde ihre Geschichten und Geschichtchen in die opulenten Bildern, mäandert sinnierend zwischen konkreter Erinnerung und Kinderfantasie hin und her und schafft wie nebenbei ein stimmungsvolles Zeitporträt der 60er und 70er Jahre. Und das ist bei aller Individualität so exemplarisch, dass man sich selbst und das eigene Kindsein unbedingt darin wiedererkennt.