Natürlich lassen wir uns von den „großen“ Namen ködern: Nick Hornby, Gregory Maguire, Roddy Doyle, Deborah Ellis, David Almond, Eoin Colfer. Sagen wir mal: wer gern gute Jugendromane liest, kennt sicher die Hälfte der 10 Namen. Und schon kann’s losgehen.
Um was geht’s? Der Fotograf George Keane, genannt „Gee“ ist tot, und hinterlässt seinem Enkeln Jason eine Sammlung handsignierter Fotos, seiner Enkeltochter Maggie ein Kästchen mit sieben Muscheln.
Klick!
Die solide Exposition, die alles möglich macht, stammt aus der Feder von Linda Sue Park, die man wahrscheinlich eher nicht kennt. Sie zoomt aus der trauernden Familie Maggie heraus, die am meisten unter dem Verlust des geliebten Großvaters zu leiden scheint. Lange zögert Maggie, ehe sie ihr Päckchen von Gee öffnet, darin die Muscheln findet und über das damit verbundene Rätsel grübelt. „Wirf sie alle zurück“ lautet die kurze Botschaft aus dem Jenseits, die Maggie schließlich als Lebensaufgabe erkennt: sie soll quer durch die Welt reisen und die Muscheln in die Meere zurückwerfen, aus denen sie stammen. – Wunderbar, dann erwartet uns also eine Weltreise in neun Kapiteln? Mitnichten.
Klick! Klick! Klick!
Kapitel 2 von David Almond verlässt die USA, reist in der Zeit zurück und lässt Gee auf eine 13jährige Meerjungfrau treffen, die selbst von dieser verzauberten Begegnung berichtet. Eoin Colfer hüpft wieder die Gegenwart, kehrt zurück in die USA und begleitet Jason, einen rebellischen, unzufriedenen Jungen mit seinem Erbe, der Fotosammlung, ein kleines Wegstück. Und im 4. Kapitel lässt uns Deborah Ellis miterleben, wie in einem Gefängnis in Afghanistan das Holzkästchen für Maggies Muscheln entsteht. STOPP möchte man rufen, sobald ein neues Kapitel anfängt. STOP, keine neue Geschichte und sei sie noch so raffiniert mit den übrigen Handlungsteilen verwoben. STOP, ich will wissen, wie es da weitergeht, wo wir gerade angekommen sind.
Klick! Klick! Klick! Klick!
Denn manchmal wird uns eine Menge zugemutet. Nick Hornby schafft in Kapitel 5 eine Art Gee-Doppelgänger und Margo Lanagan katapultiert uns in Kapitel 9 in die Zukunft jenseits der 2030er Jahre: beide Kapitel sind sehr verwirrend. Dazwischen gelingen Roddy Doyle und Ruth Ozeki kleine Meisterwerke: Rückblicke aus dem Leben des großen Fotoreporters Gee, lebensnah, authentisch und die Story bereichernd: eine besondere Begegnung mit der Boxlegende Muhammad Ali und eine mit einem japanischen, beinamputierten Kriegsopfer.
Es ist phasenweise anstrengend, Maggie und Jason nicht aus den Augen zu verlieren. Doch plötzlich ist er wieder da, der rote Faden, verbindet ein kleines Detail den Ausschnitt mit dem Gesamtbild, fügt sich eine Episode wie ein Puzzleteil in das große Ganze, den Roman.
Weitwinkel
Gregory Maguire kommt die schwierige Aufgabe zu, alle Fäden in Kapitel 10 zusammenzuführen. Und es gelingt. Der Roman, der einen Anfang hatte, bekommt nicht nur eine letzte Geschichte, sondern ein wirkliches Ende. Wer dran geblieben ist, darf nochmals einen letzten Blick auf die vielen, vielen Fotos werfen. Dann wird es wirklich spannend. Denn längst hatte jeder Leser für sich ganz persönlich entschieden, in welcher Richtung er am Ende eines Kapitels weitergedacht haben wollte. Nur selten tat uns der Folgeautor oder die Folgeautorin diesen Gefallen. Jetzt melden sich alle zehn nochmals zu Wort. „Als Ihnen die Idee für dieses Buch vorgestellt wurde oder Sie das begonnene Manuskript erhielten – welches Detail hat Sie da sofort angesprochen und zu Ihrem Teil der Geschichte inspiriert?“ Die zehn unterschiedlichen Antworten sind spannend zu lesen, erhellen so manche Frage – und man hätte diesen Part ruhig noch ein bisschen ausführlicher gestalten dürfen. Vielleicht: „Wie wäre Ihre Geschichte weitergegangen, wenn Sie sie bis zum Ende hätten erzählen dürfen?“ „Wie hat Ihnen das gefallen, was die anderen aus der Geschichte gemacht haben?“ „Würden Sie nochmals an so einem Projekt teilnehmen?“
Und dann fehlt die Frage an uns, die Leser: „Wie hat Ihnen die Idee gefallen?“oder „Welche Kapitel fanden sie besonders gelungen/spannend/lesenswert?“ oder „Würden Sie nochmals so ein Buch lesen?“ – Ich bin gespannt auf Ihre Antworten.