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Freitag, 25. Mai 2012 | 21:26

Stefan Casta: Frag nicht nach meinem Namen (ab 15)

14.05.2009

Das Leben in die eigene Hand nehmen

Auch mit neunzehn können Gewohnheit und Altvertrautes bereits schwerer wiegen als Selbständigkeit. Manchmal muß erst ein richtiger Schuß fallen, ehe man bereit ist, die Nasenspitze über den Zaun zu strecken. Von MAGALI HEIßLER

 

Victor ist neunzehn, er hat die Schule abgeschlossen und ist ganz zufrieden damit, den kleinen Hof am Rand der kleinen Stadt, dort, wo das ländliche Schweden am ländlichsten ist, zu bewirtschaften. Der Hof gehört Brigitte, sie hat das Sagen, im Haus lebt noch Gustavo, Reparaturgenie, Naturkenner und Koch. Victor genügt es vollkommen, Brigitte das Sagen, Gustavo das Wissen und Wetter, Boden und Tieren die Festsetzung der täglichen Pflichten zu überlassen. Wer schuftet, hat wenig Zeit zum Nachdenken. Trotzdem gibt es etwas, das in ihm gärt. Das heimliche Gären brachte den Computer ins Haus und damit den Anschluss an die Welt da draußen. Den Entschluß, einen Fernkurs in Philosophie zu belegen. ‚Aha’, sagte Brigitte dazu. Brigitte sagt meist nur ‚Aha’, Victor ist daran gewöhnt, die vielschichtige Bedeutung der ‚Ahas’ zu entschlüsseln. Aber dieses ‚Aha’ ignoriert er lieber.

Doch dann passiert die Sache mit dem Mädchen. Gerade als Victor abdrücken will, um den Rehbock zu erlegen, taucht sie in der Schusslinie auf. Der Schuss fällt, aber Victor konnte den Lauf noch zur Seite reißen. Nach diesem Schock bleibt Victor gar nichts anderes übrig, als das Mädchen zum Hof mitzunehmen.

‚Esmeralda heiße sie’, sagt die etwa Sechzehnjährige, als sie wieder fähig ist zu sprechen. Das aber, so stellt sich im Lauf der nächsten Wochen heraus, ist nur einer der vielen Namen, die sie sich gibt, und damit nur eine von vielen Geschichten, die Victor bei ihr findet. Um aus den Bruchstücken, Hinweisen, Rätseln und wilden Wendungen eine einzige schlüssige Geschichte zu machen, muss Victor sich nur mit dem Mädchen, sondern auch mit Brigitte, Gustavo, vor allem jedoch mit sich selbst auseinandersetzen.

Kolportage und Kunst

Der schwedische Autor Stefan Casta, der hierzulande erst langsam entdeckt wird, hat mit ‚Frag nicht nach meinem Namen’ einen sehr eigenwilligen und eigensinnigen Jugendroman geschrieben. Man merkt dem Roman seine Liebe zur Natur an, Casta schreibt auch Sachbücher vor allem über Pflanzen. Seine Haltung dazu verleihen dem Handlungsverlauf sowohl Solidität durch die Praxisnähe der harten Arbeit in der Landwirtschaft, als auch ästhetisch Poesie, die sich aus Beobachtungen vom Verhalten der Tiere, Wetterlagen, dem Lauf der Jahreszeiten speist, und in überraschenden Bildern und Vergleichen ihren Ausdruck findet. Castas Sprache ist einfach, nicht selten gerät er gefährlich an den Rand des Banalen, der ganz andere Blick jedoch, den er den Leserinnen und Lesern schenkt, machen selbst die simpelste Beobachtung zu einer Besonderheit.

Ähnliches gilt für den Plot. Die Geschichten Victors, Brigittes, Gustavos und des Mädchens, die zu einer einzigen Geschichte zusammenwachsen, sind eigentlich Material von Kolportageromanen. Casta läßt nichts aus. Die Opernsängerin, deren Karriere durch eine Schwangerschaft gefährdet war, die ihr Kind zur Adoption freigibt und dennoch unglücklich wird und das auch noch bis ins dritte Glied. Der treue Garderobier, der alles kann. Die italienische Kochkunst. Das Adoptivkind aus der dritten Welt. Das Landleben mitsamt glücklichen Schafen und treuem Hund, das Sozialamt und die Polizei, Nachhausekommen und Fortgehen, Philosophie und selbstverständlich Literatur. Am Ende wird auch noch alles gut!

Die Art und Weise jedoch, wie Casta diese Versatzstücke anordnet und in seinen poetischen Kosmos einbettet, machen aus diesem Buch einen souverän durchdachten und neuartigen Jugendroman.

Die Familie, so stellt sich heraus, ist keine biologische, sondern eine Wahlverwandtschaft. Das Begehren, das den Roman durchzieht, ist für einmal - endlich wieder einmal! - kein sexuelles, sondern das nach Freiheit. Die Freiheit aber ist nicht gleichbedeutend mit Abenteuer, sondern mit dem Recht, eigene Entscheidungen zu treffen. Die ‚Botschaft’ ist die, dass man Entscheidungen treffen muss, um frei zu sein. Dass sie falsch sein können, ist das Risiko, das jeder Mensch tragen muss, der frei sein will. Freiheit hat ihre Traurigen und bitteren Seiten.

Dann ist da noch das Thema Schreiben. Die Versatzstücke der Kolportage erweisen sich im Verlauf des Geschehens als ein weiteres philosophisches Problem. Alles ist nur Erzählen, meint das Mädchen mit den vielen Namen an einer Stelle. Gibt es das Mädchen tatsächlich? Erlebt Victor, was er uns erzählt oder schreibt er nur eine Geschichte? Wahrnehmung, Realität und Fiktion vermischen sich auf einmal, die Grenzen sind nicht mehr sicher. Selbst als sich alles in höchst befriedigender Weise aufgelöst zu haben scheint, bleibt ein Rest Zweifel in der Geschichte, an der Geschichte.

Was den Leserinnen und Lesern bleibt, sind neben berückenden Bildern aus der Natur einige höchst eindrucksvolle Figuren, deren Persönlichkeiten und Handeln auch nach Beendigung des Romans noch Fragen aufwerfen. Ein echtes ‚Aha’-Erlebnis.

 

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