1939 begegnen sie sich zum ersten Mal, der Tod und das Mädchen Liesel, auf einer Bahnstrecke mitten im Winter, und in seinen Armen hält der Gevatter die Seele ihres kleinen Bruders, der die Strapazen des Außenseiterdaseins einfach nicht mehr ausgehalten hat. Denn das ist die Familie von Liesel - ausgestoßen. Der Vater wurde vor vielen Jahren als Kommunist verhaftet und die Mutter bringt die Kinder in höchster Not zu einer Pflegefamilie in ein Dorf nahe München. Doch nur Liesel wird dort ankommen. Und bei der hastigen Beerdigung in einem gottverlassenen Dorf an der Bahnlinie wird die Neunjährige, die weder lesen noch schreiben kann, zum ersten Mal ein Büchlein stehlen, eines, das verloren im Schnee liegt.
Dass es sich dabei um die bayerische Friedhofsordnung handelt, ist sekundär. Noch zweimal wird der Tod ihr bis Kriegsende begegnen, und jedes dieser dramatischen Treffen wird mit dem Diebstahl eines Buches enden. Dazwischen wird er sie weiter wohlwollend im Auge behalten - schließlich ist er zu Kriegszeiten immer in der Nähe – und uns ihre Geschichte erzählen: Wie sie sich bei ihren nicht gerade gesinnungstreuen Pflegeeltern einlebte, neue Freunde fand, wie ihr geliebter Pflegepapa einem Juden im Keller Unterschlupf gewährte, der sie in die Welt der Literatur entführte und wie der Krieg letztlich auch sie in ihrer dörflichen Idylle einholte...
Nazideutschland, betrachtet vom anderen Ende der Welt
Erstaunlich an dieser großartigen Erzählung ist, dass Zusak (Jahrgang 1975) ein Deutsch-Australier aus Sydney ist. Allerdings ist er in Deutschland kein Unbekannter mehr, sein Jugendbuch „Der Joker“ erhielt bereits 2007 den Deutschen Jugendliteraturpreis von der Jugendjury. Woher dieses immense Wissen um die Geschehnisse im Dritten Reich und das höchst authentische Zeitfenster, in das er seine lebendigen, wirklichkeitsgetreuen Personen stellt, kommen, belegt ein Blick auf seine Abstammung. Seine Mutter ist deutscher, sein Vater österreichischer Herkunft, sie wanderten nach dem zweiten Weltkrieg nach Australien aus, der Roman hat seine Wurzeln in den Berichten der Eltern über die Bombennächte in München und die Gräuel der Judenverfolgung.
„Die Bücherdiebin“ ist Zusaks bisheriges Meisterwerk. Und dass der Bertelsmann Verlag das Buch einem breiteren Publikum zugänglich machen will, können wir der Tatsache entnehmen, dass im Frühjahr 2008 gleich zwei inhaltlich völlig identische Ausgaben erschienen, eine im cbj-Verlag für Jugendliche, die andere bei Blanvalet - einziger Unterschied ist das Cover.
Ebenso erstaunlich ist die Perspektive, die Zusak wählt, indem er dem Tod das Erzählen überlässt. Das funktioniert deshalb auf so geniale Weise, weil er an keine Zeitabläufe gebunden ist. Der Allwissende nimmt Dinge vorweg, fügt sie an anderer Stelle wieder ein, philosophiert über Gott, die Welt und das Sterben. Und er wertet nicht, er erfüllt seine Aufgabe auch in dieser so arbeitsreichen Zeit pflichtschuldig und geduldig und ist ein genauer Beobachter menschlichen Handelns.
Ein Lehrstück für alle
Auch wenn wir dieses Buch in dieser Rubrik besprechen, Tatsache ist, dass dieser Roman in die Hände all derer gehört, die endlich einmal wieder eine wahrhaftige, anrührende und teilweise auch komische Geschichte über das Leben unterm Hakenkreuz lesen wollen. Das ist an kein Alter gebunden, denn wenn wir unseren Kindern ein solch hochkarätiges Buch in die Hand geben können, brauchen wir uns um das Vergessen dieser Zeit keine Sorgen mehr zu machen. Was jetzt noch fehlt, ist die preiswerte Ausgabe als Schullektüre, auch wenn 587 Seiten zunächst einmal abschrecken werden. Aber sie werden es schon lesen, unsere Schüler, denn es packt und lässt nicht mehr los und lässt uns lachen und weinen und mitleiden, egal wie alt wir sind!