Kinder spielen es in einem bestimmten Alter furchtbar gerne, dieses „Ich wäre jetzt mal ... und du würdest dann...“. Dabei stört der später so frustrierende Konjunktiv kein bisschen, im Gegenteil: Gerade all das „würde, wäre, könnte“ öffnet ja erst das Zaubertor ins Land der Fantasie. Weil es besonders reizvoll ist, gerade Altbekanntes einmal kräftig gegen den Strich zu denken, erzählt die mehrfach prämierte Kinderbuchautorin Karla Schneider in diesem Bilderbuch die beiden Märchenklassiker „Rotkäppchen“ und „Der Wolf und die sieben Geißlein“ noch einmal neu. Viel besser, sie lässt sie unter dem Motto „Was wäre, wenn“ neu erzählen: In ihrem Text sind ein paar fiktive Kinder in heiße Diskussionen verstrickt und ihr lebendiger Dialog macht die sich ständig verwandelnden Märchen dann auch so inspirierend.
Ins Traumland gestrudelt
„Wenn ich der Jäger wäre, hätte ich es so gemacht...“, meint da einer und malt sich aus, wie er den Wolf ohne eine einzige Gewehrkugel überlistet und dann am Ende gemütlich bei Kaffee und Kuchen im Grußmutterhäuschen sitzt. Ausgetrickst! Das findet der erboste Wolf natürlich gar nicht gut: „Geh ich lieber zum Sieben- Geißlein- Haus, ätsch- bätsch!“ höhnt er und macht sich auf den Weg. Doch auch dort hat der Bösewicht kein Jagdglück: Das siebte Geißlein ist zu schlau und Gevatter Wolf flüchtet todkrank mit einem Bauch voller Wackersteine in den Wald. Doch stopp! Vielleicht geht´s ja auch ganz, ganz anders: Vor der Tür der Ziegenfamilie stehen nämlich wenig später zwei süße, kleine Wolfswelpen und suchen ihre Mami. Klar, rührt das die Geißenmutter zutiefst und so adoptiert sie die beiden auf der Stelle. Ob das gut geht und vielleicht der Anfang vom Frieden ist?
Illustratorin Stefanie Harjes setzt diesen facettenreichen Text grandios in Szene: So gewaltig, poetisch und wild sind ihre Zeichnungen, dass man davon halsüberkopf mitten ins Traumland gestrudelt wird. Da trifft ein liebevoll gepinseltes Rotkäppchen auf einen in einer einzigen, schwarzen Linie hingeworfenen Meister Isegrim, da halten sich die Figuren geheimnisvolle Masken vors Gesicht und Zeitungsschnipsel puzzeln sich filigran in weite Farbflächen. - Eine selten gelungene Anstiftung zum Fabulieren und Fantasieren und wie nebenbei auch noch eine spielerische Auseinandersetzung mit eigenen Ängsten und Gewaltfantasien.