Emily, Sofia und Bruno haben, was ihre Mütter betrifft, sichtlich danebengegriffen. Brunos Mutter will mindestens Mozart aus ihm machen, obwohl ihm Muhammad Ali viel lieber wäre. Emilys Mutter ist unfähig, auch nur einkaufen zu gehen, ohne eine Katastrophe auszulösen, deren Folgen Emily beseitigen darf. Sofias Mutter hat nur noch Augen für den kleinen Bruder Niklas. Was für eine Erleichterung, als die drei die Internetseite entdecken, auf der man sich ungehemmt und von Herzen über Mütter ausjammern darf. Es gibt sogar ein Gewinnspiel. Wenn man einen, allerdings unangenehm langen, Fragebogen ausfüllt, kann man vier Wochen Ferien am Meer gewinnen. Klar, dass man mitmacht. Allerdings sind es nicht die Kinder, die verreisen, sondern die Mütter. Das jedenfalls erzählt ‚Tante Anna’, blond, freundlich und solide gekleidet, die eines Tages ganz überraschend die Wohnungstür öffnet.
Das Leben mit Tante Anna ist einfach wunderbar. Keine verhaßten Klavierstunden, Lieblingsmahlzeiten zu jeder Tageszeit, Fernsehen und Chips, wann immer man will, während der kleine Bruder Katzenfutter bekommt! gut, dass Mutter verreist ist. Die Kinder sind begeistert. Aber auf Dauer fehlt doch etwas. Mit den ersten Zweifeln kommen die Fragen und dann der Entschluss, herauszufinden, was ihnen eigentlich widerfahren ist. Für ihre Ermittlungen brauchen Emily, Bruno, Sofia und Niklas (!) ganz schön viel Mut, denn er führt sie auf eine abgelegene Insel in der Nordsee zu einer höchst seltsamen ‚Mütterverbesserungs-Schule’. Dort stellt sich nicht nur heraus, dass Tante Anna alles andere als eine Tante ist. Noch schlimmer ist es, dass nicht jeder, der dort beschäftigt ist, es gut mit Müttern meint.
Ängste, Tabus und Tabubrüche
Die schrecklichsten Mütter der Welt ist eine Geschichte über einen Tabu-Bruch. Sich auch nur gedanklich der eigenen Mutter zu entledigen hat einiges vom Problem des Tyrannenmords. Die Ängste sind ungeheuer, zugleich hat der Gedanke etwas Lustvolles, gewinnt man dadurch doch die Freiheit, die man immer ersehnte. Die Ängste und zugleich die Lustgefühle durchziehen das ganze Buch. Man ist beim Lesen ganz nah an den kindlichen Protagonistinnen und Protagonisten. Wut, Frustration, Hass und zugleich die Sehnsucht nach Anerkennung, Liebe und Freiräumen sind stets präsent. Eindrücklich dargestellt ist aber auch, dass die es die perfekte Lösung für ein Problem nicht gibt. Im Gegenteil, kaum hat man ein Problem gelöst, bringt die Lösung nur das nächste und nicht selten schlimmere Problem. Diese Erfahrung müssen nicht nur die Kinder machen, sondern vor allem auch der Erwachsene, der hinter der Mütterverbesserungsanstalt steckt.
Die Grundproblematik für die doch sehr junge Zielgruppe zurechtzuschneidern, ist der Autorin über weite Strecken des Buchs ausgezeichnet gelungen. Viel Humor, ein gerüttelt Maß an Skurrilem und viele altersgerechte Slapstick-Szenen federn das dahinterliegende Grauen ab. Lustvoll werden die Mütter z.B. in Schul-Szenen dem Spott ausgesetzt, ebenso lustvoll wird der mutterfreie Alltag zelebriert. Am Ende finden Mütter und Kinder weitgehend wieder zusammen, die gegenseitige Liebe zählt.
Die Kinder sind sehr überzeugende Hauptfiguren, ihrer Entwicklung, vor allem dem Verhältnis des Geschwisterpaars Sofia und Niklas, wird zurecht viel Raum gewährt. Die Geschichte verkommt keineswegs zu einer geradlinigen Rettungsaktion, im Gegenteil schimmern nach dem ersten vermeintlichen Höhepunkt weitere Gipfel auf. Der Plot ist überraschend verwickelt, was das Buch für die Zielgruppe allerdings auch etwas lang macht. Hier sind begeisterte Jungleserinnen und -leser gefragt, Anfängerinnen kann es abschrecken.
Der eigentliche Bösewicht ist tatsächlich sehr böse. In ihm kulminiert die düstere Strömung, die dieses Buch durchzieht. Ludwig bricht in der Schilderung immer rechtzeitig ab, aber in diesen Schilderungen flackern Momente auf, die nicht wenig von Ira Levins Frauen von Stepford haben. Das ist nur leichte Kost für die Unwissenden, dem Weiterdenken kann man sich aber auch so nicht entziehen. Perfekte Frauen, perfekte Mütter, Roboter, das Ende mit Schrecken.
Das Schlusskapitel verknüpft die letzten Fäden wie auch die Denkschritte auf eine so gelungene Weise, dass es verdient, besonders hervorgehoben zu werden.
Spannende und herausfordernde Lektüre, humorvoll, lebensecht, mit einem Widerhaken am guten Ende, an dessen Spitze eine winziger Tropfen Gift sitzt.