Es ist quadratisch und leuchtend pink. Auf dem Cover sitzt eine dunkelhaarige Kleine und schwarzen Augen und verkündet in einer dunkeldrohenden Sprechblase Titel und Motto des Buchs: „Ich hasse Rosa!“ Und auf der ersten Bildseite setzt sie gleich noch eins obendrauf: „Ich mag am liebsten Schwarz.“
Nur zwei Bilder und schon hat sie es geschafft, unser Weltbild ins Wanken zu bringen. Lebt davon nicht die Spielzeugindustrie, dass alle Mädchen Rosa lieben? Erkennt man nicht daran, dass man sich in der Abteilung befindet, in der es Entzückendes für kleine Damen zum Anziehen gibt? Zeigen es nicht Bilderbücher, indem sie Prinzessinnen, Feen, Tänzerinnen in Rosa hüllen? Und dann gar Schwarz, die Farbe der Verneinung, der Trauer, des Protests.
Hübsch, zart und zerbrechlich?
Die Kleine bleibt hart. Sie betont, dass sie genau weiß, dass sie ein Mädchen ist. Und dann zählt sie ihre Vorlieben auf: sie spielt gern mit Dinos und liebt Geschichten von Insekten und Würmern, Kräne findet sie toll und wenn sie sich verkleidet, dann als Pirat. Nathalie Hense präsentiert uns ein selbstbewusstes Mädchen, das sich gegen die Festlegung auf die Niedlichrolle zur Wehr setzt. Gleichzeitig stellt sie uns noch Luis vor, der mit Puppen spielt, und Anton, der Blumen und Marienkäfer malt.
Da reden wir schon so lange über Gleichberechtigung, wollen erfolgreiche, berufstätige Mütter und Väter, die Erziehungsurlaub nehmen und sich um die Kinder kümmern. Aber wenn man genau hinschaut, gibt es sie doch noch, die riesigen Unterschiede in der Erziehung, die schon früh auf Rollen festlegen: hübsch, zart und zerbrechlich, Glitzerzeugs und viel Rosa, so sieht die Welt der kleinen Mädchen aus. Wenn Jungs sie betreten, fallen sie auf – als Sensibelchen, als Außenseiter. Und genauso andersrum: Es gibt Bereiche, die sind den männlichen Rackern und Rabauken vorbehalten. Warum eigentlich? „Aus dir hätte ein Junge werden können“, bekommt die Kleine von ihrer Mutter gesagt und regt sich zu Recht darüber auf.
Ilya Green setzt die Geschichte plakativ um, mit scharf konturierten Figuren und Formen, klaren Farben und sorgfältig gestalteten Details. Die ausdrucksstrake Mimik und die genau beobachtete Körperhaltung sprechen Bände. Deutliche Kritik in Wort und Bild, kindgerecht formuliert und liebenswert präsentiert: Eigentlich sollten wir solche Bilderbücher gar nicht mehr brauchen. Weil wir aber noch lange nicht da angekommen sind, wo Jungs und Mädchen die gleichen Möglichkeiten haben, sind sie wichtig. Vielleicht geraten sie ja in die richtigen Hände und machen unsere Rosa-Hellblaue-Welt ein bisschen bunter und offener.