Wie schaurig-schön lief es einem schon beim Struwwelpeter den zarten Kinderrücken hinunter! Doch trotz aller bitterernster Zeigefingerei konnte man die Sache doch nicht wirklich ernst nehmen. Klingt ja auch völlig übertrieben: Daumen- abschneiden wegen ein bisschen Daumenlutschen! Verhungern, bloß weil man seine Suppe nicht mag! - Wo gibt´s denn so was!? Viel zu schlau und selbstbewusst waren schon die heutigen Erwachsenen als Kinder, um auf diese pompöse Angstmacherei hereinzufallen. Deswegen gibt es über den Struwwelpeter ja auch ungezählte Parodien. Ein klitzekleines bisschen Warnung bleibt aber doch bestehen: So wie bei der Geschichte von Paulinchen und ihrem Feuerzeug, da kommt zum genüsslichen Gruselschauer noch eine waschechte Gänsehaut dazu.
Richtig schön schlimm
Eine brandneue und sehr, sehr pfiffige Struwwelpeter-Version ist Lola rast. Sieben Alltagsgeschichten erzählen in gelungenen Reimen und witzigen Bildern von Kindern, die partout nicht hören wollen und malen dabei lustvoll den Teufel an die Wand. Denn o weh, o weh – wenn ich auf das Ende seh´! So brettert Lola auf ihrem Laufrad im Affenzahn die Strasse hinunter, um zum Schluss mausetot und platt wie eine Flunder unterm Laster zu liegen. Nicht besser ergeht es Lukas, der nach stundenlangem Fernsehglotzen einfach vom Flachbildschirm eingesaugt wird oder der eitlen Anna Lena, die soviel vor dem Spiegel herumposiert bis sie zur leblosen Puppe erstarrt.
Hört sich schlimm an? Ist es auch – richtig schön schlimm! Denn hier werden Angstphantasien mit aller Lust an der Katastrophe ad absurdum geführt, hier wird so gnadenlos aufgeschnitten, dass sich die Balken biegen. Und das winzige Körnchen Wahrheit? Das macht die Sache doppelt prickelnd... Was dieses Bilderbuch aber von diversen Trickfilmspektakeln unbedingt unterscheidet, ist seine Qualität und Originalität in Wort und Bild. Für mutige Eltern und Kinder hat „Lola rast“ jedenfalls unbedingt das Zeug zum neuen Kinderzimmer- Renner.