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Freitag, 25. Mai 2012 | 21:28

Shaun Tan: Ein neues Land / Geschichten aus...

16.07.2009

Es gibt keinen Text

Zwei Bücher von Shaun Tan, für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Von GEORG PATZER

 

Alles, wirklich alles ist fremd. Nichts erkennt der Mann wieder: Aus einem Schornstein kommt eine weiße Wolke, Rauch oder Dampf. Ein Paar hebt riesige eiförmige Gebilde aus einer Kiste. Spatzenvögel, groß wie Habichte, hüpfen herum. Eine Turmuhr zeigt mit drei Scheiben die Zeit an, aus Rucksäcken schauen spitzohrige Tiere heraus, auf die Straße sind seltsame Zeichen gemalt. Verwirrt versucht er ein Gasthaus zu finden, einen Platz zum Übernachten, als ihn ein Mann mit einer weißen Mütze anspricht. Sie verstehen sich nicht, aber dann malt der Verirrte ein Bett: Ah!

Auch in der Pension ist alles ungewohnt: Sein Zimmer ist vollgestellt mit seltsamen Apparaten, aus manchen brodelt plötzlich Feuer, aus anderen spritzt Wasser, aus einer Dose springt ein riesiges Tier mit dickem Körper, Stummelbeinchen, langem Schwanz und einer ebenso langen Zunge. Alles ist unverständlich: Der Stadtplan ist ihm ein Rätsel, wie er an eine Fahrkarte kommt, was er essen kann und wie, weiß er nicht, und als er endlich Arbeit findet, klebt er die Plakate falsch herum, weil er die Schrift nicht lesen kann.

Angst in Braun-Weiß

Wie es einem geht, der in ein Land kommt, in dem er gar nichts versteht, nicht Sprache noch Schrift, weder die Gewohnheiten noch die Rituale, und nicht einmal die Tiere kennt, davon erzählt der australische Zeichner und Erzähler Shaun Tan in seiner graphic novel Ein neues Land. In eindringlichen Braun-Weiß-Zeichnungen berichtet er vom angstüberschatteten Leben des Mannes in seiner Heimat, vom Abschied von Frau und Kind, vom völligen Unverständnis. Aber auch von der Hilfsbereitschaft der Menschen, denen er begegnet, die ihm die neue Welt erklären, ihm erzählen: von Flucht, Krieg und Leid. Die mit ihm trinken, mit ihm spielen, sich mit ihm anfreunden.

Der Clou des leisen, aber bewegenden Buches: Es gibt keinen Text. Wie in einem Stummfilm erzählt Tan ganze Lebensgeschichten in einzelnen Bildern, von düsteren Erinnerungen, unsäglichen Lebensbedingungen, von gelungenen Fluchten. Die Bilder variieren im Tempo sehr stark, wechseln von Nahaufnahme zur Totale, ohne hektisch zu werden. Sie zeigen Gefühle und Reflexionen, Todesangst und Hoffnung in zurückhaltender Dramatik, und die sich annähernden, manchmal fröhlichen Gespräche in einfühlsamer Gestik.

Ebenso fantasievoll, aber noch viel abgedrehter ist Tans Geschichtensammlung, die auch nominiert wurde. Da grast auf einem leeren Grundstück ein Wasserbüffel, der als Orakel dient: Wenn man ihn fragt, zeigt er immer mit dem linken Huf in eine Richtung. Und die Antwort ist immer richtig. Oder die Brüder, die wissen wollten, ob die Welt wirklich zu Ende ist, weil der Straßenatlas ihres Vaters auf Seite 268 aufhört. Sie unternehmen eine Expedition. Angekommen, lassen sie dann die Beine über den Rand der Welt baumeln. Es sind charmante abstruse Geschichten, voller Neugier auf das Unbekannte, die Überraschungen, das Mysterium des Lebens. Wenn man sich ihm nur hingibt. Und die verblüffenden, aber einleuchtenden Zeichnungen betonen die Alltäglichkeit des Wunders, indem sie sie als selbstverständlich zeigen. Realistisch und poetisch.

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