Eigentlich ist die Insel, auf der die Ich-Erzählerin gelandet ist, wunderschön. Der Himmel ist fast immer blau, Palmen wachsen dort und Bananen, es gibt Strand und Meer. Nachmittags fliegt regelmäßig eine Papageienschar vorbei, wie eine grüne Wolke, und der Mond am Nachthimmel sieht aus, als liege er in einer Wiege auf dem Rücken. Trotzdem ist die Insel kein Paradies, es gibt Armut, es gibt Ungerechtigkeit. Es gibt Katzen, denen ein Ohr abgeschnitten wurde. Genau so eine Katze, genauer gesagt, einen kleinen Kater, trifft die Erzählerin. Die beiden freunden sich an, aber bald wird die Freundschaft auf die Probe gestellt. Der unfreundliche Lebensmittelhändler aus dem Nachbarhaus behauptet, dass der kleine Kater, inzwischen auf den Namen Gogh getauft, ein Huhn getötet hätte und zeigt ihn bei der Polizei an. Die neue Freundin Goghs weiß aber, daß der kleine Kater das nicht getan hat. Nur weil dem Kater Ohr fehlt, ist er noch lange kein Verbrecher! Sie wandert mit Gogh aufs Polizeirevier, fest entschlossen, ihn zu verteidigen.
Ernsthaftigkeit und echte Spannung
Auf den ersten Blick scheinen die drei kurzen Geschichten von der Freundschaft zwischen dem gestreiften einohrigen Kater Gogh und Hilde Domin während ihres Exils in der Dominikanischen Republik geradezu schlicht. Dahinter aber verbergen sich sehr komplexe Zusammenhänge und hohe moralische Forderungen. Dass Domins Exil kein freiwilliges war, ist der Ausgangspunkt für das Thema Fremdsein. Fremdheit und Ausgegrenztsein verbindet sie mit dem kleinen Gogh. So, wie Domin auf der Insel Aufnahme fand, findet Gogh Aufnahme bei ihr. Damit sich die böse Geschichte einer Vertreibung nicht noch einmal wiederholt, tritt Doña Hilde für den kleinen Kater ein.
Geradlinig erzählt, enthalten die Geschichten tatsächlich eine Menge scharfsichtiger Beobachtungen über das Verhalten von Menschen gegenüber allem, was ‚anders’ ist. Schlaglichtartig werden soziale Bedingungen beleuchtet, wesentliche Zusammenhänge werden hergestellt, die weit über gewöhnliche Erzählungen einer privaten Liebe zwischen Katze und Mensch hinausgehen. Unaufdringlich, aber detailgenau zeichnete Domin das Bild der wirtschaftlichen, sozialen und emotionalen Verhältnisse einer ganzen Dorfgemeinschaft.
Dass dabei weder die Spannung noch die Sprache auf der Strecke bleiben, ist ein weiteres Verdienst dieses kleinen Buchs. Ernsthaftigkeit und Moral schließen Lesefreude eben keineswegs aus.
Illustriert sind die Geschichten ebenso aussagekräftig wie wunderschön von Alexandra Junge, das bloße Anschauen ist schon ein Vergnügen für sich. Die Worte und Bilder zusammengenommen entfalten eine Wirkung, die man nicht so schnell vergisst.
Vom Verlag für kleine Selbstleserinnen und -leser ab acht Jahren ausgewiesen, kann man die Geschichten durchaus schon gemeinsam mit Fünfjährigen genießen.
Für Erwachsene gibt es noch ein interessantes Nachwort von Clemens Greve, das ein wenig über Domin, vor allem aber über die Entstehungsgeschichte der Erzählungen über Kater Gogh informieren.