Dieser ABC-Reigen hat einiges an Besonderem zu bieten. Auf den ersten Blick wirken die Bilder ungewohnt, erwartet man doch eine Vielzahl an Bildelementen, die mit dem entsprechenden Buchstaben beginnen. Bereits hier führt das Autorenteam seine Betrachter an der Nase herum, denn wir schauen auf großflächig aufgebaute Illustrationen, auf denen oftmals nur wenige Details die farbigen Flächen unterbrechen. Und selbst die erschließen sich nicht auf den ersten Blick, da muss man schon genauer hingucken. Das ist natürlich pure Absicht, denn schon haben wir angebissen und rätseln gemeinsam mit dem Nachwuchs, was denn nun alles etwa mit U und V anfängt. Einiges erschließt sich aus dem zweizeiligen Reim, der jeden Buchstaben begleitet. Dass der im Text als Vagabund Bezeichnete einen Blutstropfen am Zahn hängen hat, lässt noch auf eine ganz andere Art der Betätigung schließen, während seinen Wanderstock eine Uhr und eine Unterhose zieren. Auch die Urkunde ist nicht unbedingt ein häufig dargestellter Gegenstand.
Es darf gerätselt werden
Jede Doppelseite steht für zwei Buchstaben, die Gegenstände sind allerdings bunt gemixt auf dem ganzen Bild verteilt. Die krummen Bananen, versteckten Flamingos, Purzelbaum schlagenden Pudel und Schabernack treibenden Teufel erschließen sich erst allmählich, oftmals lösen die dargestellten Dinge zunächst Befremden aus. Doch dann kommt das Aha-Erlebnis, wenn man den Zwerg mit dem Zweig unterm Arm entdeckt, an dem ein Zylinder hängt. Genau hierin liegt die wahre Meisterschaft der Bilder, Isabel Pin spielt gekonnt mit der Erwartungshaltung und den Sehgewohnheiten ihrer kleinen und großen Betrachter, bringt völlig unvereinbare Gegenstände in neue, verblüffende Zusammenhänge und schert sich dabei einen Teufel um die Logik. Welches Zebra trägt schon eine Zwiebel auf dem Kopf? Was nicht passt, wird passend gemacht. Genau damit beweist die hochdekorierte Illustratorin, dass sie ihre kindlichen Adressaten ernst nimmt, sie weiß um deren Vergnügen am Nonsens. Mühelos gelingt ihr der Spagat zwischen künstlerischem Anspruch und kindlicher Betrachtungsweise.
Die Verse von Jürg Schubiger setzen noch eins drauf, sind manchmal hart an der Grenze zum völligen Unsinn, kriegen oftmals nur gerade noch die Kurve. Erst beim lauten Vorlesen erschließt sich die Lautmalerei, etwa beim bereits erwähnten U: „Ur- passt gut zu Wald und Kunde / und zu Laub, merkt Kunigunde.“ Sowohl der Urlaub als auch der Urwald und die Urkunde finden sich, teils raffiniert verschlüsselt, auf dem Bild.
Endlich gibt es also ein Buch übers ABC, das nicht nur seine jungen Möchtegern-Leser fordert, sondern auch den Erwachsenen Vergnügen bereitet. Und wenn man einen Gegenstand partout nicht einordnen kann, gibt es am Ende eine Liste aller dargestellten Dinge, natürlich streng alphabetisch. Ach ja, zu Y stehen da Yoga, Yogitee und Yorkshireterrier, in einem völlig natürlichen Zusammenhang. Schauen Sie mal rein!