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Freitag, 25. Mai 2012 | 21:30

Axel Schulß: Als Otto das Herz zum ersten Mal brach (ab 7)

08.10.2009

Abschied für immer

Wenn das Buch eines Autors zum Thema Tod posthum erscheint, dann wirkt das fast wie ein doppeltes Vermächtnis. Axel Schulß, Münsteraner Allroundtalent für Musik, Kunst und (Kinder-) Literatur, starb Anfang des Jahres mit 57 Jahren an Multipler Sklerose. Sein letztes Kinderbuch erzählt die Geschichte von Otto, der den Tod seiner besten Freundin verkraften muss, so einfühlsam und hoffnungsvoll, wie es wohl nur ein Sterbenskranker vermag. Von BEATE MAINKA

 

Als Otto eines Morgens von seiner weinenden Mama geweckt wird, ahnt er schon, dass etwas Schreckliches passiert ist. Aber dass seine allerliebste Freundin Annie tot ist, das mag und will er nicht begreifen. Er muss doch mit ihr zur Schule, es ist schon halb zehn. Hätte Mama ihn früher geweckt, wäre das alles nicht passiert! Erst allmählich dringt die furchtbare Wahrheit in Ottos Bewusstsein, Annie ist die Kellertreppe hinabgestürzt und wird nie, nie wieder mit ihm zur Schule gehen. Auch Otto schafft es an diesem Tag nicht, das Schulgebäude zu betreten, stattdessen sucht er sich ein einsames Plätzchen und versinkt in Erinnerungen an Annie. Daran, wie sie ganz viel Geld in den Kaugummiautomaten gesteckt haben, immer wieder, bis sie endlich die Ringe gezogen haben, die sie so gerne haben wollten. Daran, wie sie ganz heimlich geheiratet haben, damit sie in der Schule nicht noch mehr wegen ihrer engen Freundschaft gehänselt werden. Daran, wie sie sich unterstützt haben, als Annies Vater starb. Das alles ist jetzt vorbei, für immer, aber es tröstet ein bisschen, dass Annies Mama Otto nach der Beerdigung ganz fest in den Arm nimmt und ihm zuflüstert, dass die Annie immer noch seinen Ring trägt. Da kann sich Otto als echter Witwer fühlen.

Sterben, ein Tabuthema für Kinder?

Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Titeln zum Thema Tod für Kinder. Im Bilderbuch werden Dachse, Frösche und Bären, alt und betagt, von ihren Artgenossen zu Grabe getragen. Frech und realistischer kommt Ulf Nilsson mit seinen „besten Beerdigungen der Welt“ daher. Schulß schließt mit seinem Titel eine Alterslücke, denn für Grundschulkinder gibt es wenig Erzählendes zum Thema, insbesondere wenn der/die Tote ein Kind ist. Da wir in unserer Spaßgesellschaft solch unangenehme Ereignisse gerne ausklammern, sind Eltern und Kinder oftmals überfordert, wenn ein solches dann tatsächlich eintritt. Schulß erzählt seine Geschichte aus der ganz eigenen kindlichen Perspektive, er reflektiert mit beachtlichem Einfühlungsvermögen Ottos Gefühle und Gedanken, von anfänglichem Nichtbegreifen über absolute Trostlosigkeit bis hin zum allmählichen Hineinfinden in die neuen Lebensumstände. Dabei stellt er Otto verständnisvolle Erwachsene zur Seite, keine strahlenden Helden nach dem Motto „Wird schon werden“, sondern solche, die keinen Hehl aus ihrer eigenen Hilflosigkeit machen und gerade deshalb viel Verständnis für Ottos teils unlogische Reaktionen aufbringen.

Stimmungsvoll unterstützen die Illustrationen von Daniela Bunge den einfach gehaltenen Text mit den ausdrucksstarken Gesichtern ihrer Figuren, der perfekt an die Situation angepassten Farbgebung, der Leuchtkraft der Erinnerungen, der Schwärze des Todes. Das alles realisiert sie, ohne bedrohlich zu scheinen, mit viel Raum für Interpretationen und Deutungen.

Brauchen wir solche Bücher? Unbedingt, die Auseinandersetzung mit dem Tod verkraften Kinder in der Regel viel besser, als wir gehemmten Erwachsenen uns das vorstellen, und es muss auch nicht erst dann passieren, wenn äußere Umstände uns dazu zwingen. Aber auch und gerade dann ist Schulß‘ am Ende so hoffnungsvolle Geschichte eine gute Möglichkeit, den Tod eines geliebten Menschen zu verarbeiten, sowohl für Kinder als auch für die sie begleitenden Erwachsenen. Genau das hat er wahrscheinlich gewollt, der Axel Schulß.

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