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Dienstag, 07. Februar 2012 | 07:35

Véronique M. Le Normand: Lily und die Liebe (ab 14)

17.12.2009

Aus Lilys Tagebuch

Lily misstraut großen Gefühlen und ganz besonders, wenn es sich um ‚Liebe’ handeln soll. Das kann es gar nicht geben. Am besten, man geht ganz locker-spielerisch darüber hinweg, dann kann auch nichts passieren. Außer, dass man sich böse verbrennen kann, wenn man mit großen Gefühlen locker spielt. Von MAGALI HEIßLER

 

Am wohlsten fühlt sich die sechzehnjährige Lily in ihrer Clique. Draußen wogen die Gefühle. Die Eltern sind geschieden, Mutter Marie hat einen neuen Lebensgefährten, der Lily einen älteren Halbbruder bescherte, der kleine Bruder nervt, in der Schule drohen die Abschlussprüfungen. Das Café mit den Freundinnen und Freunden ist ein gern genutzter Schutz - und Schonraum, wo man über alles sprechen kann, am besten philosophisch und bitte schön theoretisch. Sich ernsthaft auf andere Menschen einlassen, kommt für Lily nicht infrage. Doch die heimlich gefürchtete Liebe hält auch hier Einzug. Constance, die schönste der Freundinnen, muß unbedingt verkuppelt werden. Ein Scherz unter Teenagern. Allerdings vergeht Lily das Lachen, als der Gedanke aufkommt, Florian Constance zuzuschieben. Ausgerechnet Florian! Sich dagegen zu wehren, hieße aber, sich darüber klarzuwerden, dass ihr Florian etwas bedeutet. Das möchte Lily vermeiden, sie schweigt. Doch nicht nur sie hat Gefühle, auch Florian hat welche. Was für Lily ängstliches Zurückscheuen vor den Tatsachen ist, ist für ihn Verrat. Ehe Lily es sich versieht, steht sie nicht nur mit dem falschen jungen Mann, sondern mit einem böse verwundeten Herzen da. Es dauert seine Zeit, bis Lily überhaupt versteht, was geschehen ist. Und noch länger, ehe sie sich endlich aufmacht, um herauszufinden, ob noch etwas zu retten ist in dieser ganzen schrecklichen Angelegenheit.

Éducation sentimentale im 21. Jahrhundert

Die Geschichte ist auf engstem Raum erzählt, sparsam, kompakt, aber was für eine Wucht an Emotionen enthält sie! Die Beziehungen zu den Eltern, die wieder glückliche und schwangere Mutter, der demonstrativ leidende Vater, der kleine Bruder, der ebenso süß sein kann, wie er zu Ohrfeigen reizt, der noch fremde ältere Halbbruder. Die Freunde in der Clique, Mädchen wie Jungen, Klassenkameradinnen, Lehrerinnen und Lehrer (sehr progressiv ein schwules Lehrerpaar), Nachbarn und Großeltern, Lilys Welt wirbelt einem beim Lesen springlebendig entgegen. Die komischen wie tragischen Momente des ganz alltäglichen Teenagerdaseins, überhöht und zugleich wirklich, entfalten sich unvermittelt und unverhüllt. Tatsächlich lesen wir in Lilys Tagebuch. Ihre schönsten Sätze - sie sind wirklich schön und enthalten beim näheren Hinsehen Wahrheiten, die nicht nur Lily erschrecken - bilden zugleich die Kapitelüberschriften. Die Protagonistin offenbart uns ihr ganzes Herz, vor allem, wenn sie leidet. Unsentimental, kitschfrei, trotz der Tränenströme, und so schmerzhaft, dass man es fast selbst zu spüren meint. Es ist wirklich anerkennenswert, was Le Normand ihre Heldin durchmachen läßt, um sie zu einer jungen Frau zu erziehen, die in Zukunft auf die Gefühle anderer Rücksicht nehmen wird. Das ist ein Teil eines Prozesses nicht nur des Erwachsenwerdens, sondern der Menschwerdung. Es geht hier zwar um Paarbildung, aber eben um das Zueinanderfinden zweier gleichberechtigter, selbständiger, freier Individuen, nicht um den Kuss bei Geigenklängen im Sonnenuntergang. Freiheit und Freiwilligkeit sind die philosophischen Themen - es handelt sich um einen französischen Roman -, ebenso wie Sozialverhalten und - nicht zuletzt - die von der Autorin wie von Lily geliebte ältere französische Literatur.

Es ist ein anspruchsvoller Text, gelegentlich ein wenig sprunghaft, da es sich de facto um den zweiten Band einer kleinen Reihe handelt, deren erster Band bisher leider nicht auf Deutsch erschienen ist. Lilys wunderbar erzählter und sehr schmerzlicher Geschichte tut das keinen Abbruch, aber es wäre zu wünschen, dass auch die anderen Bände von Lilys Tagebüchern dem Publikum hierzulande nicht weiter vorenthalten werden.

 

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