Es beginnt mit einem Blick auf den Arbeitstisch. Was gibt es da nicht alles zu sehen, dicke Stifte, dünne stifte, Pinsel, Kreide, Farbtöpfchen, Schere, Radiergummi und - die mit einem Bleistift ausgerüstete Hand der Zeichnerin auf einem frischen Bogen Papier.
Ehe man es sich versieht, fährt ein Zug darauf entlang. Die Reisenden sind von besonderer Art und recht lustig, aber eigentlich verhalten sie sich wie alle, die einem Zug fahren: Sie unterhalten sich, schauen aus dem Fenster oder schlafen. In einem Abteil aber wird es interessant: Dort sitzt ein kleines Schwein und das lässt die Zeichnerin nicht einfach in Ruhe zeichnen. Das Schweinemädchen mischt sich ein.
In Nullkommanichts hat es sich so ausstatten lassen, wie es sich das wünscht, bis hin zu einem richtig schönen Hemd. Einen Namen hat es auch für sich gefunden, Johanna. So macht reisen Spaß! Ein wenig langweilig ist es aber doch noch. Kann die Zeichnerin nicht einmal etwas passieren lassen? Das kann sie, denn Johanna kann man einfach nicht Nein sagen.
Dass sie sich den einen oder anderen Scherz auf Johannas Kosten erlaubt, ist verständlich, die Kleine ist ganz schön übermütig. Da Johanna zugleich aber energisch ist, gehen die kleinen Abenteuer meist gut aus. Am Ende wird sogar Johannas größter Wunsch erfüllt. Sie ist selig! Und wirft die Zeichnerin kurzerhand aus ihrer Geschichte hinaus. Weil sie hier nicht mehr gebraucht wird.
Geschichten malen heißt Geschichten erzählen
Johannas Geschichte ist ein ganz besonderes Bilderbuch, ganz gleich, unter welchem Gesichtspunkt man es betrachtet. Es geht um Material und Technik, um den Einsatz von Farben. Es geht um Raum und Format. Ereignisse kann man in der Bildmitte verfolgen, aber auch am Bildrand, es gibt Geschichten in der Geschichte, und nicht wenige. Es gibt größere und kleinere Buchseiten, an einer Stelle kann man auch zurückblättern und den Lauf einer Handlung verändern.
Es geht um Perspektive, zeichnerisch, wie im übertragenen Sinn. Die Handlung spielt im Zug und außerhalb des Zugs. Unablässig wird sie von den beiden Kontrahentinnen, Johanna und ihrer Schöpferin, beeinflusst. Die beiden haben jedoch keineswegs immer die gleiche Sicht auf die Dinge. Das daraus entstehende Spannungsverhältnis verleiht der Geschichte zusätzlich Lebendigkeit und zugleich gedankliche Tiefe.
Über den Spaß hinaus gerät man unversehens ins Nachdenken z.B. darüber, ob es immer erstrebenswert ist, den Lauf der Dinge ändern zu können. Zuweilen ist es eben nur beim ersten Mal richtig schön.
Johanna ist in ihrer fordernden und schlagfertigen Art ein äußerst gelungener Charakter. Kathrin Schärer hat ihr eine Mimik verliehen, die einer auch nach Beendigung des Buchs im Gedächtnis bleibt. Es ist ein Buch, das dazu auffordert, genau hinzuschauen, dabei den Betrachterinnen und Betrachterinnen aber auch die Mittel erklärt, die eingesetzt werden, um etwas Betrachtenswertes zu schaffen.
Der Text ist sparsam eingesetzt, schließlich sollen hier vor allem die Bilder erzählen. Und das tun sie auf eine ganz ausgefallene, großartige Weise.