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Freitag, 25. Mai 2012 | 21:35

Gedicht für einen Goldfisch

21.01.2010

Die Seele der Poesie

Ein Kind, ein trauriger Goldfisch und die Macht, die hinter Worten steckt - mehr braucht man nicht, um ein wahres Märchen zu erzählen. Von MAGALI HEISSLER

 

Arthurs Goldfisch rührt und regt sich nicht. Er wird doch nicht etwa sterben? Mutter hat es, wie üblich, schrecklich eilig, aber auf der Türschwelle doch noch einen Rat bereit: „Gib ihm ein Gedicht.“

Mutter ist wunderbar! Bloß: was um alles in der Welt ist ein Gedicht?

Wer etwas nicht weiß, muss fragen. Das tut Arthur. Er fragt alle und jeden, die Nudeln im Schrank, die Nachbarn, die Bäckersfrau, den Fahrradhändler, den Kanarienvogel, Oma und Opa, sogar den Staub unterm Bett. Zu seiner Überraschung haben auch fast alle Befragten eine Antwort für ihn. Allerdings immer eine andere. Arthur staunt, ist verwirrt und staunt noch mehr. So ist ein Gedicht? Und so auch? Ja, tatsächlich. Am Ende ist sogar Goldfisch Leo wieder munter. Ach so? Gut, gut.

 

Kieselbonbon, Viertelmond

Jean-Pierre Siméon versucht mit einer ganz schlichten Geschichte und mit möglichst wenig Worten eine grundlegende Charakterisierung der wohl kompliziertesten literarischen Gattung zu geben. Er konzentriert sich auf die Wirkung von Gedichten, auf die Gefühle, die sie auslösen. Die Beschreibung dieser unterschiedlichen Gefühle, also des Unmittelbaren, Subjektiven, ist das, was Arthur auf seine Frage zu hören bekommt. Knapp, zugespitzt und zugleich fantasievoll - poetisch entsteht aus auf den ersten Blick individuellen Empfindungen eine kleine Typologie.

 

Das Liebesgedicht, das politische Gedicht, Sprachkunst, Experimentelles, Hermetisches, Gelegenheitsgedichte werden vorgestellt, ohne dass auch nur ein einziger Fachbegriff fällt. Alles bleibt schwebend, spielerisch-verspielt, leicht zu fassen. Zugleich ist es so verführerisch dargeboten, dass man umgehend ein zweites Mal hinhört. Ab diesem Augenblick erschließen sich die Präzision, mit der Autor gearbeitet hat, und die Tiefen, die unter dem vermeintlich einfachen Beinahe-Märchen verborgen liegen.

 

Dazu kommen eine Menge verrückter Ideen, die der Illustrator Olivier Tallec in leuchtend bunte Bilder umgesetzt hat. Sie leuchten selbst, wenn sie eigentlich pastellig zart sind. Da fährt ein Liebespaar auf einem Fahrrad über den Wolken, dort schwimmt ein Walfisch auf dem Rücken in einer verkehrten Welt, sind ganz normale Kiesel plötzlich bunt wie Bonbons. Am nächtlichen Himmel über tanzenden Paaren hängen für einmal keine Sterne, sondern lauter Viertelmonde, fett und gelb wie reife Bananen. Gedichte verändern die Welt.

 

Wer es nicht glaubt, die lese mit ihren Kindern dieses märchenhaft schöne und märchenhaft gut gelungene kleine Bilderbuch. Anschließend geht man am besten umgehend zum Bücherschrank, nimmt einen beliebigen Gedichtband heraus und liest Gedichte. Damit Kinder erfahren, dass Siméon nicht nur ein Märchen geschrieben hat und die Großen, was für ein ewiges Wunder ein gutes Gedicht ist.

 

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