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Dienstag, 07. Februar 2012 | 06:37

Franz Fühmann / Jacky Gleich: Das Wintermärchen. Ein Märchen nach Shakespeare

28.01.2010

Funkelnde Klangkaskaden und lyrische Bilder

Vor Eifersucht ist keiner gewappnet. Auch Könige nicht. Nur sind die Konsequenzen dann gleich für das gesamte Reich verheerend, wenn der sonst gutmütige Herrscher sich zum selbstgefälligen Despoten wandelt. Dann reuig geworden das ganze Land für Jahre in tiefe Trauer versinken lässt: Wo kein Vogel mehr singt, keine Blume blüht, kein Lämmerwölkchen mehr mit dem Westwind spielt. Shakespeares „Wintermärchen“ ist eine Romanze mit düsterem Anfang, Franz Fühmann und Jacky Gleich erzählen sie kongenial nach. Von SUSANNE MARSCHALL

 

Eben war alles noch eitel Sonnenschein, jetzt bespitzelt König Leontes die beiden. Späht mit scharfem Blick aus sicherem Versteck, beobachtet misstrauisch, wie seine liebliche Frau und König Polyx sich vergnügt die Zeit vertreiben. Und argwöhnt hinterhältige List. Glaubt sogar, „die beiden seien ein untreues und mordlustiges Paar.“ Wollen ihn aus dem Weg schaffen, heiraten und sich sein südländisches Reich unter den Nagel reißen. Dabei tut Hermione nur, was sich für eine Königin geziemt und unterhält den hohen Gast.

 

Aber König Leontes ist eitel: Denn nicht er hat es geschafft, den Busenfreund noch einmal zum Bleiben zu überreden. Sondern sie. Und statt sich zu freuen, denn sie waren zusammen aufgewachsen, „Zwillingslämmern gleich, die blökend im Sonnenschein miteinander spielen“, kriecht galliger Missmut in ihm hoch. „Und da er sich ärgerte, sah er scheel auf die wunderschöne Hermione, und da er sie scheel ansah, zog ein finstrer Schatten in sein Herz.“

 

Es ist die blanke Eifersucht, die in Shakespeares „Wintermärchen“ an König Leontes nagt, von Franz Fühmann zauberhaft nacherzählt und von Jacky Gleich kongenial illustriert. Es sind aberwitzige Hirngespinste, die schnell zum Wahn werden und den Herrscher des Südlandes zum narzisstischen Tyrannen machen: „Denn nicht Nessel noch Dorn noch giftige Wespen zwacken so sehr wie ein falscher Verdacht.“ So schreitet er auf einem Bild in scharlachrotem Gewand despotisch daher, die herrische Miene eisig erstarrt, die Arme selbstgefällig auf dem Rücken verschränkt. Dann wieder bellt er mit Drohgebärden und grimmigen Grimassen apodiktische Befehle, dass die Räte sich in ihren gelbgrauen Einheitsanzügen, den Hüten und schwarzen Brillen feige winden. Untertänig winseln, „und als der König voll Zorn mit der Hand durch die Luft schlug, verstummten sie ganz.“

 

Und seine herzensgute Gemahlin soll im Kerker verrotten: Schicksalergeben und traurig wie ein Lämmlein, das zum Schlachter geführt wird, steht die anmutig Sanftmütige vor zwei eisgrau roboterhaften Wächtern. Nur Pauline, der edlen Hermione furchtlose Kammerfrau, bietet dem Despot unverfrorenen Blickes und streitbaren Geistes die Stirn: „Der einzige Verräter, den es hier im Saal gibt, das seid Ihr! (…) Euer Wahn ist eine einzige verfaulte Lüge; der Bau Eurer Anklage ist morsch bis zum Grund!“

 

Das Land lag in Trauer

Jetzt sitzt Leontes, vor Gram ganz grau und krumm, einsam und verlassen in seinem großen Thronsaal: wie eine alte, ausrangierte Puppe. Er hätte lieber auf Pauline hören sollen und auf Apollos Orakel. Aber er war verblendet, und nun büßt er schon seit zwanzig Jahren seine Missetaten, und „das Land lag in Trauer, als wäre es Stein, worüber die Zeit wie Wasser dahinrinnt. (…) Kein Vogel sang, keine Blume blühte, kein Lämmerwölkchen spielte mit dem Wind“: Denn er hatte nicht nur seinen besten Freund Polyx verraten, den Rat Camillo verstoßen und das im Verlies geborene Mädchen „den Krähen vorwerfen“ lassen. Auch der kleine Prinz Mamillius und dann auch noch die wunderschöne Hermione waren durch seine Besessenheit gestorben. Doch schließlich und endlich bringt die innig übermächtige Liebe zwischen Leontes totgeglaubter Tochter Perdita und König Polyx’ Sohn Florizel wieder strahlenden Sonnenschein in die finstren Gemüter.

 

Es ist ein großartiges Buch, nicht nur für Kinder: Wo funkelnde Klangkaskaden und lyrische Bilder singen und schwingen, summen und brummen. Wo bildreiche Sprachrhythmen ächzen und krächzen, zarte Melodien schillern und trillern. Es ist ein orchestrales Branden und malerisches Wogen, dem man sich nicht entziehen kann.

 

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