Frank Zauleck nennt sein Sammelsurium an Bildern, Anekdötchen und Miniaturen schlicht Kalendergeschichten. Das kennen wir. Das sind laut Literaturlexikon "kurze, volkstümliche, meist realitätsbezogene Erzählungen, oft unterhaltend und stets didaktisch orientiert." Kurz? Stimmt. Manchmal passen sogar vier davon auf eine Doppelseite. Volkstümlich? Na ja, sie erzählen von kleinen, alltäglichen Begebenheiten, wie sie eben den Bewohnern des Baumhauses Dörte Pomsel, Anton Löffel und Holger Fischbach so zustoßen. Realitätsbezogen? Wer akzeptiert, dass Roselinde Tilia Cordata, eine hundertjährige Linde und sozusagen die Baumhausträgerin - sprich: der Baum, auf dem das Baumhaus steht - zweigeraschelnd auch ihre Kommentare zu allem abgeben darf, und wer "Realität" nicht ganz und gar wörtlich nimmt, wird die Geschichten durchaus als realitätsbezogen einordnen. Oft unterhaltend? Eigentlich immer! Stets didaktisch? Kommt darauf an.
Wenn zum Beispiel Holger von einer Geschichte erzählt, in der ein Mädchen in einem hohen Turm lebte und Anton passend weitermacht "Rapunzel, lass die Strickleiter herunter." und Dörte dann ergänzt "Aber nur für Freunde!" dann ist das ziemlich didaktisch und wäre für Rapunzel damals ein prima Tipp gewesen, der dem armen Mädchen viel Ärger erspart hätte.
Seine poetischen kleinen Spinnerein garniert Zauleck mit originellen Bildchen, die uns beispielsweise vorführen wie Zimtzicke und Saftsack streiten oder karierte Hunde sich unterhalten. Ein Rezept für unsichtbare Tinte gefällig? Oder eine Bauernregel? Alles drin. Vom 7. September bis zum 31. August des folgenden Jahres jongliert Zauleck mit unterhaltenden Leckerbissen vom Feinsten. Zum Beispiel seine Silvestergeschichte:
Der kleine Koch brachte zwölf Pfannkuchen. "Elf Pfannkuchen sind mit Pflaumenmus gefüllt. In einem ist Senf. Elf Monate werden schön." "Und welcher wird schlecht?" fragte Holger. "Wir werden es sehen", sagte der kleine Koch.
Gedacht für Kinder ab acht Jahren. Kleinere dürfen auch gern zuhören, ältere über seine hintersinnigen Späße vielleicht noch mehr schmunzeln. Um am Ende?
"Jetzt kenne ich die Welt", schnaufte die Raupe, "ich hab mich durch die Birne gefressen." "Nein, ich kenne die Welt", zirpte die Grille, "ich bin durch den Zwölfminutenwald gesprungen." Holger klappte das Buch zu und sagte: "Ich kenne das Buch."
Was will man mehr?
Andrea Wanner
Franz Zauleck: Im Zwölfminutenwald.
Jungbrunnen 2002. Gebunden. 110 Seiten, durchgehend farbig illustriert.
Ab 8 Jahren. 17,40 ¤.
ISBN: 3-7026-5739-8