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Freitag, 25. Mai 2012 | 21:36

 

Friedrich Ani: Wie Licht

11.03.2004

 


Beobachtungen mit allen Sinnen

Der Geburtstagswunsch, den Lukas hat, ist ungewöhnlich: drei Tage lang will er einfach durch München laufen.




 

Allein, ohne abends nach hause zu kommen. Natürlich wollen die Eltern dem 14jährigen das nicht erlauben und so erfüllt sich Lukas seinen Wunsch einfach selbst. Ohne Erlaubnis.

Drei Tage zielloses Umherbummeln, Eindrücke auf sich wirken lassen, die Stadt, in der man lebt, mit neuen Augen sehen.

Und dann trifft er die 17jährige Sonja, ein blindes Mädchen. Sie beeindruckt ihn durch ihre Selbstständigkeit und ihr sicheres Auftreten so sehr, dass er ihr zunächst ihre Blindheit gar nicht glaubt. Mit ihr erlebt Lukas eine eigenartige Liebesgeschichte.

Ich kenne Gesichter, in die ich schau und denk, die machen Krach wie Lautsprecher, auch wenn sie gar nicht sprechen. Die machen immer Krach, die strahlen Krach ab, der Mund, die Nase, die Augen, sogar die Ohren, und wenn ich weg bin, ist es plötzlich still.

Bei Sonja war es das Gegenteil. In Sonjas Gesicht war es still. Was nicht langweilig bedeutete. Es war still. Und man hatte Angst, zu nahe zu kommen und zu stören.

Das war es, was ich sah. Und ich wollte es ihr auch sagen, aber sie war schneller.

Friedrich Anis Roman hat Schwächen, wo er zu sehr philosophiert. Seine Stärken liegen in den direkten Beobachtungen mit allen Sinnen. Wir sind mit Lukas unterwegs um zu riechen, zu schmecken, zu hören, zu spüren und zu sehen. Die Zeit wird in diesen drei Tagen anders gemessen. Helden anderer Entwicklungsromane haben weite Reisen hinter sich, Lukas genügt seine Heimatstadt, die in diesen drei Tagen zu einer anderen wird. So wie auch er ein anderer wird. Wenn ihn nach den Sommerferien ein Freund fragt, wo er gewesen sei und Lukas antwortet: „In Hongkong.“ drückt diese Antwort ein bisschen von den vielen neuen Eindrücken, Erlebnissen und Erfahrungen aus, die er gemacht hat. Nicht ohne Witz und Selbstironie, mit blauen Flecken und Beckett-Zitaten feiert ein ungewöhnlicher Held einen dreitägigen Geburtstag, der ihn ein Stück erwachsener werden lässt.

Andrea Wanner


Friedrich Ani: Wie Licht schmeckt.
Hanser 2002. Gebunden. 192 Seiten.
Ab 14 Jahren. 12,90 EUR.
ISBN: 3-446-20120-3


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