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Freitag, 25. Mai 2012 | 21:37

Roald Dahl: Ottos Geheimnis

25.03.2010

Pssst - streng geheim!

Es wimmelt zur Zeit auf dem Markt von Büchern, die behaupten, ein unglaubliches Geheimnis zu beinhalten. Ottos Geheimnis ist schon 20 Jahre alt (da erschien Roald Dahls Geschichte zum ersten Mal auf Englisch) – und eines der schönsten überhaupt. Ein bisschen davon kann man vertrauenswürdigen Personen ja vielleicht verraten. Von ANDREA WANNER

 

Drei Helden bevölkern Roald Dahls Kinderbuch. Da ist zum einen Herr Hüpfenstich, ein schüchterner Eigenbrötler, der sein Rentendasein mit seinem Hobby krönt: den Blumen auf seinem Balkon, die er hegt und pflegt. Einen Stock tiefer, Balkon unter Balkon, wohnt Hauptperson Nummer 2: Frau Silber. Die arbeitet halbtags in einem Laden für Zeitschriften und Süßigkeiten und hat ansonsten auch eine Leidenschaft: Otto. Der ist eine Schildkröte, von Frau Silber so verwöhnt und umsorgt, wie das einen Stock höher Herrn Kupferstichs Blumen erleben.

 

Wo die Liebe hinfällt

Was diese drei Akteure miteinander verbindet, ist das erste große Geheimnis der Geschichte. Herr Hüpfenstich liebt Frau Silber. Leider traut er sich aber nicht, auch nur einen Schritt zu machen und sie beispielsweise zu einer Tasse Tee einzuladen. So himmelt er sie von oben an und ist gleichzeitig ziemlich eifersüchtig auf die Zuwendung, die Frau Silber Otto zukommen lässt - eine aussichtlose Situation. So scheint es jedenfalls. Bis Frau Silber dem freundlichen Nachbarn ein Problem anvertraut: Otto will nicht wachsen. Nach elf Jahren intensiver Pflege durch Frau Silber bringt er immer nur noch mickrige 400 Gramm auf die Waage. Grad mal so viel wie eine große Grapefruit, wie Frau Silber resigniert feststellt. Schließlich mach sie sich große Sorgen um  Otto. Wie sollte er es verkraften, wenn er mal eine Riesenschildkröte sehen würde?

 

Not macht erfinderisch

Jetzt ist Herrn Hüpfenstichs große Stunde gekommen. Hinter dem zweiten Geheimnis verbirgt sich seine geniale Idee: ein seltsamer Zauberspruch, den er Frau Silber anvertraut. Es ist eine rückwärts gesprochene Wachsanweisung für Otto. Otto heißt im englischen Original Alfie, der Originaltitel „Esio Trot“ ist ein Palindrom und ergibt rückwärts gelesen Tortoise, also schlicht Schildkröte. Otto kann man auch rückwärts lesen, wie Herr Hüpfenstich Frau Silber erklärt. Die magische Formel „OTTO, MOK, OTTO, MOK! SOL, SOL, OTTO, SOL! EDREW SORG, SALB CHID FUA!" soll den in der Entwicklung rückständigen Schildkröterich dazu bewegen, endlich Gewicht zuzulegen. Tja, und das Unglaubliche geschieht.

 

Das dritte Geheimnis

Das dritte Geheimnis ist Ottos Geheimnis und das Geheimnis von Herrn Hüpfenstich. Und genau das soll es an dieser Stelle auch bleiben. Es stammt aus der Feder von Roald Dahl und gehört zu den weniger makabren aber ausgesprochen raffinierten Ideen, mit denen er in seinen Büchern stets brillierte. Es steckt voller Einfallsreichtum, ist technisch nicht ganz einfach umzusetzen aber dafür am Ende unglaublich erfolgreich. Tatsächlich sorgt es dafür, dass am Ende alle drei glücklich und zufrieden sind. Was will man mehr?

 

Vielleicht kann man am Rande noch darüber staunen, dass diese Liebesgeschichte – rührend und durch und durch platonisch – auch Kinder erreicht, obwohl da eigentlich niemand ist, mit dem sie sich identifizieren könnten. So etwas hat Dahl geschafft und es gibt wenige, denen das sonst gelingt. Ein weiteres Geheimnis sind die kongenialen Illustrationen von Quentin Blake, hingehuschte Strichzeichnungen, die ungeheuer viel Atmosphäre transportieren und uns Herrn Hüpfenstich, Frau Silber und Otto nahebringen wie gute Freunde. Großzügig sind sie über das ganze Buch verteilt, begleiten die perfekt ausgedachte Strategie von Herrn Hüpfenstich vom Anfang bis zum Ende und lassen einen einfach dahinschmelzen.

 

Wer jetzt neugierig wissen will, ob die Formel "KNIRT + SIRF TALAS!" tatsächlich Wunder wirkt und das Gewicht einer Schildkröte innerhalb relativ kurzer Zeit zu verdoppeln vermag, dem rate ich dringend Ottos Geheimnis doch noch zu lüften! Mehr verrate ich nicht!

 

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