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Poetische Kunstwerke, lyrische Kostbarkeiten und archaische Illustrationen
Auf der 47. Kinderbuchmesse in Bologna konnte man sich vier Tage lang, vom 23. bis zum 26. März, einen Überblick über die internationale Kinderbuchszene verschaffen. Bei frühlingshaftem Wetter, in luftigen Hallen und angenehmer Atmosphäre konnte man stöbern und staunen, sich begeistern und bezaubern lassen, und die kulturell unterschiedlichen Trends und Tendenzen beobachten. Von SUSANNE MARSCHALL
Sie hüten es wie ihren Augapfel. Stehen lieber stundenlang an ihrem gläsernen Büchertresen und blättern selber, statt es aus der Hand zu geben. Schlagen behutsam Seite für Seite um, immer und immer wieder. Und sie freuen sich jedes Mal aufs Neue, die Mitarbeiterinnen und vielen Ehrenamtlichen des kleinen Pariser Verlags „Les Trois Ourses“, wenn die Augen der Schauenden begeistert aufblitzen. Wenn die sinnliche Poesie des Kunstwerks „Petit arbre“ von Katsumi Komagata, das sie herausgebracht haben, berührt und verzaubert: Wenn sich die kleine weiße Pyramide auf dem ersten, dem Schneeblatt, entfaltet. Sich vorsichtig und neugierig in die Höhe reckt und dabei von zwei spitzohrigen Hasen beobachtet wird, die als wattiggrauer Schatten am Rand sitzen. Dann zu einem stattlichen Baum wird, sprießt und grünt. Wenn sich im Herbst die Blätter orangen färben, dann feurigrot, und die Vögel langsam ihr Nest verlassen, bevor die dunklen Tage den Baum umhüllen. Er im Winter kahl und rabenschwarz wird, um im Frühling wieder in voller Pracht dazustehen. So vergehen Jahre, bis er stirbt. Doch die Erinnerung an ihn lebt weiter in einem kleinen Samen: Der zur weißen Pyramide wird, und der Kreislauf wieder von vorne beginnt.
Lyrische Kostbarkeiten konnte man auf der 47. Kinderbuchmesse, der „fiera del libro per ragazzi“ in Bologna entdecken. Wie eben das Buch des Japaners Komagata: Mit sanften Klängen und leiser Anmut erzählt er vom Leben und Sterben, mit minimalistischen Mittel von Erinnerungen und Trauer. Und vom Neuanfang. Das Kinderbuch ist wie ein klangvolles Flüstern, ein duftiges Raunen, das sich durch seine Zartheit und die vieldeutigen Anspielungen sachte auf die Sinne legt, anrührt und beseelt. Das auch tröstet, aber ohne Holzhammer und Wortkaskaden, pädagogischen Erläuterungen und Zaunpfahl. Auch die Jury war begeistert: „Petit arbre“ wurde zwar nicht prämiert, aber lobend erwähnt. Am gleichen Stand, der eine Kooperation von vier kleinen Verlagen ist und sich „smallworld“ nennt, gab es dann aber auch noch den ersten Preis in der Kategorie „New Horizons“: „Do!“ von Tara Books ist von traditionellen, archaischen Illustrationen eines kleinen indischen Stamms inspiriert. Mit den sparsam geometrischen Bildergeschichten, die aus dem Leben gegriffen sind, regt das kleine Buch an, eigene Geschichten zu erfinden und zwischen den Zeichnungen zu lesen.
Trends und Tendenzen
Das einzige deutsche Buch, das anerkennend erwähnt wird, ist Nadia Buddes „Such dir was aus, aber beeil dich“ (Fischer Verlag), das mit ironisch schrägen Bilder den witzig hintergründigen Wortspielen zusätzliche Facetten gibt. Wie auch die Illustratoren vieler französischer und italienischer Kinderbücher Geschichten nicht nur schmücken, sondern durch ihre märchenhaft schwebenden Bilder mit dem erzählenden Charakter neue, andere Welten öffnen. Was häufig auch bei asiatischen, vor allem koreanischen Büchern zu finden ist, die entweder ätherisch und zurückhaltend in der Farbigkeit oder schrill bunt verschiedene Ebenen auffächern. Aber es gab natürlich auch genug lärmende Platituden, langweilig glatte, unsinnlich und kreativlose Bilderbücher, an denen man schnell vorbeiläuft, um sich das Genießen nicht zu verderben. Vor allem bei den Amerikanern sprangen einen immer wieder solche belanglosen und ermüdenden Exemplare an.
Mehr als 1200 Aussteller aus über 60 Ländern haben sich dieses Jahr in Bologna präsentiert. Dem Treffpunkt aller Kreativen, wo die Poesie des Wortes und des Bildes eine viel größere Rolle spielt als anderswo. Wo Lizenzen gekauft und verkauft werden und es trotzdem familiär zugeht. Wo man Shaun Tan, den Meister der graphic novel trifft, der mit stoischer Ausdauer stundenlang Poster signiert. Wo Illustratoren mit dicken Mappen hoffnungsvoll Schlange stehen du die Lektoren sich im Zehnminutentakt ihre Zeichnungen anschauen. Es ist bemerkenswert, mit welch freundlicher Geduld und Zugewandtheit sie sich auf jeden einzelnen einlassen: „Manchmal muss ich mich schon zwingen die Zeit einzuhalten“, sagt Andrea Schraml vom Züricher NordSüd-Verlag und gesteht mit entwaffnendem Charme, dass sie sich hin und wieder „auch mal von der Persönlichkeit des Zeichners hinreißen lässt.“ Den allgemeinen Trend zu Pop-up-Büchern kann auch Schraml bestätigen: Weil sie andere Sinne ansprechen, „das Objekt Buch aufgebrochen und die Dimensionen gesprengt werden.“ Beltz bemerkt die Tendenzen zu collagenartigen Illustrationen, im Jugendbuch sind historische Romane und Horrorgeschichten auf dem Vormarsch. Bei Oetinger wird moniert, dass immer mehr Erwachsenenbuchverlage sich in die Kinderbuchsparte drängen, und bei Carlsen wird gestrahlt: Die Serie um Connie hat wie eine Bombe eingeschlagen, sie haben etliche neue Lizenzen auf der Messe verkauft.
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