Peter Schössow: Meehr!!
29.04.2010
Ein luftiger Ausflug mit Panoramablick
Man sollte bei aufkommendem Sturm nicht aus dem Haus gehen: Da könnte einen ja ein dicker Ast erschlagen, ein Ziegel auf den Kopf fallen oder eine Bö mit sich forttragen - wie es dem Mann am Strand passiert ist. Nichtsahnend geht er spazieren und schwupps! fliegt er höher und immer höher in den Himmel. Nach einer Weile gefällt es ihm sogar ... Von SUSANNE MARSCHALL
Er muss raus, frische Luft schnappen und sich ein wenig die Beine vertreten. Also geht er zum Strand, weil er dort seine Ruhe hat bei dem Wetter. Es pfeift nämlich ein ordentlicher Wind. Eine steife Brise, die die ganzen bunten Abfallpapierchen willenlos durch die Luft wirbelt. Aber das bemerkt er nicht einmal: Dick eingemummelt mit hochgeschlagenem Kragen und flatterndem roten Schal marschiert er durch den Sand. Den Hut tief ins Gesicht gezogen, dass man nur noch seine riesige Nase sieht, und die Hände in die Taschen seines moosgrünen Mantels vergraben, scheint er blind und taub zu sein. Er sieht weder den unheilschwangeren, giftgrünen Himmel mit der bleichen Sonne, noch hört er das Brausen des aufkommenden Sturms.
Ein fliegender Hut
Dann passiert, was der Leser schon ahnte, nur der Spaziergänger zwischen den Buchdeckeln wohl nicht: Eine vorwitzige Bö reißt ihm den Hut vom Kopf. Entsetzt fällt ihm die Kinnlade herunter, und er starrt fassungslos seiner Kopfbedeckung nach. Endlich erwacht er aus der Erstarrung und jagt seinem Hut hinterher, dem Hund, der plötzlich aus dem Nichts auftauchte dicht auf den Fersen. Auf der nächsten Seite werden sich Mann und Vierbeiner sicher um das edle Stück balgen. Daran ziehen und zerren, bis nur noch ein zerfetztes Stück Filz übrig ist.
Auch lustig, aber nicht unbedingt typisch für die Bücher von Peter Schössow, der eher mit Unberechenbarem, Brüchen und Irreführungen spielt. Und deshalb geschieht jetzt auch Ungeheuerliches: Ein kräftiger Windstoß haut dem Mann die Beine weg und fegt ihn mit sich fort. Verzweifelt versucht der Verdatterte sich im Nichts festzuhalten, segelt unbeholfen am Leuchtturm vorbei und macht ein paar Luftpurzelbäume.
Ritt auf dem Wind
Immer höher trägt ihn der Wind: zu den Möwen hinaus aufs offene Meer, dann wieder zurück über festen Boden. Über grüne Felder, die sich aneinanderschmiegen, und von dort oben aussehen wie ein geometrisches Muster mit schlängelnder Riesenschlange, was ein Feldweg ist. Fast hat er sich schon an das Fliegen gewöhnt und sogar eine bequeme Flugstellung gefunden: Mit ausgebreiteten Armen liegt er nun bäuchlings auf der Bö - und staunt einfach nur noch. Genießt die einzigartige Aussicht, die Schwerelosigkeit. Dann wird er vom Wetter ein zweites Mal geprüft, denn es fängt an zu regnen: Dicke Tropfen fallen schwer vom Himmel, peitschen ihm ins Gesicht, durchnässen seinen Mantel. Aber der Mann strahlt: Er hat nicht nur Gefallen gefunden an seinem abenteuerlichen Ritt auf dem Wind. Er sieht richtig glücklich aus, als er hoch und immer höher bis zu den Wolken fliegt, wo Flugzeuge seine Bahn kreuzen.
Aber dann ist der luftige Ausflug jäh beendet, und der Mann saust kopfüber nach unten. Aber er platscht nicht ins Meer oder landet irgendwo auf den Feldern: Der Sturm hatte ihn auf eine Rundreise mitgenommen und lässt ihn jetzt dort auf den Strand plumpsen, wo er ihn aufgesammelt hatte. Zugegeben, ein wenig unsanft: Doch er kann heilfroh sein, dass alles gut gegangen und er so glimpflich davongekommen ist. Und siehe da, auch sein Hut, den er längst vergessen hatte, kommt zurück und schwebt genau vor ihm sachte auf den Boden. Jetzt reicht’s ihm, glaubt man. Ist felsenfest davon überzeugt, dass der Mann sein Glück nicht noch einmal herausfordern und eiligst heimgehen wird. Vor allem bei solch einem Wetter nie mehr einen Schritt vor die Tür macht. Aber nichts dergleichen: Der Mann stellt sich doch tatsächlich auf eine Holzkiste und ruft dem Wind mit kindlicher Begeisterung zu: „Noch mal!“
Das sind dann auch die einzigen Worte in Peter Schössows Kinderbuch „Meehr!“, das so einfach wie witzig, so überraschend wie humorvoll ist. Die wunderbaren Illustrationen brauchen auch keinen erzählenden Text, die Bilder sind Geschichte genug. Sie sind greifbar und doch so träumerisch, eindeutig und doch lassen sie so vieles offen. Vor allem viel Raum für eigene Fantasien und Ideen, Vorstellungen und Betrachtungen. Und immer fliegt der Betrachter mit. Ist mal neben dem Mann, mal vor, dann über ihm. Spürt den Sturm an den Kleidern reißen, hört den Flugzeuglärm und das Kreischen der Möwen. Und sieht die Welt aus einer anderen Perspektive. Ein Bilderbuch, das viele luftige Geschichten in sich birgt, die nur darauf warten erfunden zu werden.
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