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Freitag, 25. Mai 2012 | 21:40

Eduardo Galeano/Antonio Santos: Geschichte von der Auferstehung des Papageis

06.05.2010

Hommage an die Zuversicht

Der Tod eines kleinen grünen Papageis stürzt die ganze Welt in tiefe Trauer: Das Mädchen weint, der Baum verliert seine Blätter, der Wind eine Bö, der Himmel wird kalkweiß und die Menschen werden stumm. Zum Glück kommt der Töpfer von Ceará und will wissen, was geschehen ist ... Von SUSANNE MARSCHALL

 

Warum musste er eigentlich unbedingt in den Topf schauen? Es war nur Suppe drin mit Erbsen, so grasgrün wie er selber. Also nichts Aufregendes. Dann wird ihm auch noch flau, und er fängt an zu schwächeln: Vom Dampf etwa? Egal. Jedenfalls kann er sich nicht mehr halten und stürzt kopfüber in die heiße Suppe: Schaurig, man will es sich gar nicht vorstellen, wie es da böse gezischt und gebrodelt hat. Jetzt ist er mausetot. Das hat er nun von seiner vorwitzigen Neugier, der leuchtendgrüne Papagei, der hochmütige Einfaltspinsel. Aber „das Mädchen, das seine Freundin war, weinte.“ Und zwar so bitterlich, dass die Tränen auf ihr rotes Hemdchen tropfen. Auf das Muster mit den schwarzen und weißen Blüten und den lindgrünen Sternen. Da hatte die Orange großes Mitleid, „zog ihre Schale aus und bot sie der Kleinen zum Trost an.“

 

Trostlosigkeit

Es kommt aber noch schlimmer: Das unsägliche Leid umwölkt die ganze Welt und legt sich finster und schwer auf alles und jeden. Auf den Baum, der vor lauter Schmerz seine Blätter abwirft, auf das Feuer, das schuldbewusst erlischt, und auf den Wind, der über die schreckliche Nachricht so bestürzt ist, dass er eine Bö verliert: „Sie irrte ziellos durch die Welt und fuhr zum Himmel empor.“ Und der wird kreidebleich als sie ihm erzählt, was passiert ist, „und als der Mensch den weißen Himmel sah, verschlug es ihm die Sprache.“ Zu ist plötzlich der geschwätzige Mund, ein kleiner, schwarzer Strich nur noch, und die vorher vergnügt blitzenden Augen sind auf einmal nur noch leblose, schwarze Schlitze.

 

Doch so betrübt und hoffnungslos lässt der Uruguaysche Schriftsteller Eduardo Galeano die Erzählung nicht enden. Ein Retter taucht auf: Es ist der Töpfer von Ceará, und der will alles wissen: „Schließlich fand der Mensch die Sprache wieder“ und erzählt ihm die ganze Geschichte vom ertrunkenen Papagei. Daraufhin nimmt der Töpfer alle Trauer, alles Leid und Mitgefühl in seine riesengroßen Hände, die daran gewöhnt sind, zu kneten und zu erschaffen, und haucht so dem toten Vogel neues Leben ein: Schöner ist der Wiedergeborene jetzt mit seinem farbenprächtigen Federkleid, das„so rot wie das Feuer“ ist, „so blau wie der Himmel, so grün wie die Blätter des Baumes.“ Und plötzlich hat er auch noch „Menschenworte zum Sprechen“ und „Tränenwasser zum Trinken“ und fliegt dann durch das offene Fenster auf der „Bö des Windes“ davon.

 

Zuversicht

Ist es nicht eine tröstliche Welt, in der Mensch und Natur den Tod eines kleinen Vogels betrauern? Der dann aus dem gemeinsamen Schmerz wie Phönix aus der Asche ins Leben zurückkehrt, von den magischen Zauberhänden eines Töpfers geformt? Galeano erzählt in schnörkellos klarer Sprache von der wundersamen Auferstehung eines kleinen grünen Papageis. Es ist eine spirituelle Geschichte, eine mythische Legende aus dem Nordosten Brasiliens. Eine Hommage an die hoffnungsvolle Zuversicht und das Leben.

 

Wo die Bilder die Kraft der eindringlich einfachen Worte in der archaisch bunten Kargheit ihrer hölzernen Skulpturen verdichten. Die Illustrationen sind nämlich weder gemalt noch gezeichnet: Der Künstler Antonio Santos hat seine eigenwilligen Figuren und Gegenstände aus bemalten Holzbrettern zusammengebaut und szenenhaft arrangiert: Da schwebt ein gedeckter, blauer Tisch schräg und angeschnitten auf dem blütendweißen Blatt, in der Mitte die Erbsensuppe mit dem grünen Papagei auf dem Topfrand. Das große Profil des unglücklichen Mädchens, dem die Tränen wie eine Ameisenstraße übers Gesicht laufen, kommt dem Betrachter ganz nah. Fast ist es schon auf der anderen Seite, unserer, der körperlich realen. Und nur wenige zarthauchige Schatten raunen von einem eigenen, vagen, luftigen Raum. Einem Ort, der überall sein könnte.

 

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