Mit dieser fürchterlichen Szene, die nach den Ereignissen von Erfurt voll erschreckender Aktualität steckt, beginnt Morton Rhue seine fiktive Story einer Tragödie an einer amerikanischen Highschool. Gary und Brendan gelten als Außenseiter in der zehnten Klasse und werden von den Footballspielern, den Stars der Schule, täglich gemobbt. Die Lehrer schauen weg. Das Maß ihrer Demütigungen wird unerträglich. In ihren Gesprächen planen sie Rachefeldzüge, in ihren Köpfen reift der Plan einer Abrechnung nach dem Vorbild der Amokläufer von Littleton. Sie wählen den Tag des Abschlussballs für eine von langer Hand geplante Aktion.
Rhue erzählt seine Geschichte im Rückblick. Er wählt einen quasi neutralen Beobachter, einen Journalistikstudenten, der versucht, die Ereignisse möglichst genau zu rekonstruieren. Die Geschichte besteht aus einer Reihe von Kommentaren und Antworten, die Klassenkameraden, Freunde, Lehrer, und Eltern geben. Ergänzt wird sie durch Textpassagen aus den Abschiedsbriefen von Gary und Brendan, gespeicherten Chats und eMails. Jeder dieser Texte steht für sich, jeder ist ein winziges Puzzleteil eines unfassbaren Ganzen. Wut, Entsetzten, Trauer, Rechtfertigungsversuche, Hilflosigkeit, Angst, Ratlosigkeit - das ganze Spektrum der Gefühle wird glaubwürdig und authentisch abgedeckt. Die offene Form, die eher einer Materialsammlung für einen Roman als einem fertigen Roman gleicht, zwingt zur Auseinandersetzung. Was hätte man tun können? Was hätte man tun müssen? Fragen, die in diesem Fall zu spät kommen, und die trotzdem wichtig sind, um andere Fälle vermeiden zu helfen. Hintergrund dieser Geschichte sind die amerikanischen Verhältnisse. Morton Rhue betont dies in einer Vorbemerkung zur deutschen Ausgabe ausdrücklich. Bis vor kurzem durften wir alle glauben, dass sie sich von unseren wesentlich unterscheiden. Selbst Professor Klaus Hurrelmann von der Uni Bielefeld äußert sich in seinem Nachwort "Kann so etwas auch an deutschen Schulen passieren?" zwar kritisch zur aktuellen Situation, wagt dann aber folgende These:
Die Ausgangssituation, die Gemengelage von ursachlichen Faktoren für das Entstehen von Aggressivität und Gewalt bei Schülerinnen und Schülern, sind in den USA und in Deutschland nur wenig Unterschieden. Auch bei uns kann es zu ganz ähnlicher Isolation einzelner Schüler und ihrer Entfremdung von der Schulkultur kommen, wie sie in diesem erschütternden Roman am Beispiel der USA vorgestellt werden. Die Wege aber, die sich die aufgestaute Aggressivität sucht, sind bei uns anders, weil die leichte verfügbare Vollstreckungswaffe fehlt. Es dürfte kein Zufall sein, dass Gewalthandlungen an Schulen in Deutschland meist mit Fäusten und Füßen, gelegentlich mit Messern und anderen technischen Geräten, aber nur selten mit Schusswaffen ausgeführt werden.
Nach den Ereignissen von Erfurt wird die Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt an Schulen noch dringlicher. Ich knall euch alle ab ist ein wichtiges, aufrüttelndes Buch, das man lesen und über das man vor allem miteinander sprechen muss.
Andrea Wanner
Morton Rhue: Ich knall euch ab.
Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz.
Mit einem Nachwort von Klaus Hurrelmann.
Ravensburger Buchverlag 2002. Kartoniert. 160 Seiten.
Ab 14 Jahren. 4,95 EUR.
ISBN: 3-473-58172-0