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Freitag, 25. Mai 2012 | 21:41

Linda Urban: Das Leben ist kein Klavier

20.05.2010

Harmonie aus dem Chaos

Kind sein ist besonders dann nicht leicht, wenn man in der Familie die Vernunft in Person sein muss. Und wenn diese personifizierte Vernunft plötzlich einem verrückten Traum nachhängt, kann ja nur das Chaos ausbrechen ... Von MAGALI HEISSLER

 

Zoe ist mit ihren knapp elf Jahren bereits eine ausgewachsene Pragmatikerin. Mit einem Vater gesegnet, der nicht unter Menschen sein kann, mit dem Auto nur altbekannte Kurzstrecken fährt und sich selbst dabei verirrt oder vom Supermarkt mit einer ganzen Palette Klopapier (432 Rollen!) statt mit Milch zurückkommt, sowie einer Mutter, die als Rechnungsprüferin die klar gegliederte Welt der Bilanzen allem anderen vorzieht, bleibt ihr auch gar nichts anderes übrig.

 

Zoe sieht das gelassen, bis zu dem Moment, in dem sie im Fernsehen ihren Helden sieht. Wladimir Horowitz. Von da an ist Zoe klar, wie ihre Zukunft aussehen wird. Sie wird Pianistin werden und in der Carnegie Hall auftreten. Doch dafür braucht sie ein Klavier. Ihre Eltern gestehen ihr das in ihrer seligen Unbedarftheit auch zu. Zoe ist das glücklichste Kind der Welt. Bis angeliefert wird, was ihr Vater gekauft hat, eine Heimorgel.

 

Schräge Töne

Von nun an kämpft sich Zoe mit zusammengebissenen Zähnen durch Papptastaturen, 24 Rhythmen, elf Tempi, das Metronom und Pedale. Sie erträgt die zur Heimorgel gehörige Lehrerin und den gleichfalls dazugehörigen Stapel Fabelhafte Filmmelodien sowie Hits der sechziger, siebziger, neunziger. Doch das sind nicht ihre einzigen Probleme.

 

Die beste Freundin ist plötzlich keine beste Freundin mehr, ihr Vater, dessen Hauptbeschäftigung Fernkurse vom Jet-Fliegen bis zum Tiefseetauchen sind, unterhält sich auf einmal nur noch mit Zoes Klassenkameraden Wheeler, ihre Mutter blamiert sie beim Tag der offenen Tür vor der ganzen Klasse. Dagegen hilft nicht einmal mehr die Titelmelodie von Green Acres im Rumba-Rhythmus. Der bevorstehende Heimorgelwettbewerb wird zum Prüfstein für alle und alles, für Überlebenskunst, Eltern, Kinder und natürlich für Musik.

 

Lebenskunststück, musikalisch

Der Rosaton des Covers, das zudem auf der Vorderseite eine Sahnetorte samt einem Marzipan-Flügel zeigt, vermittelt den Eindruck, dass es sich bei Zoes Geschichte eher um leichtere Lektüre handelt. Der humorvolle Blick, den die Heldin auf die Geschehnisse um sie herum hat, trägt dazu nur bei. Tatsächlich aber nimmt sich Urban in ihrem ersten Kinderbuch ernster Probleme an. Zoes Vater ist in seinen Schwächen zwar liebenswert gezeichnet, aber keineswegs eine Witzfigur, sondern ein lebensuntüchtiger Mann mit ernsten Problemen, die er nicht bewältigen kann.

 

Zoes Mutter ist patent und beruflich hochkompetent, aber in ihrer Selbstsicherheit zugleich rücksichtslos. Vor Schulproblemen und ersten Schwierigkeiten der frühen Pubertät, etwa, wenn die beste Freundin plötzlich nur noch an Kleider, Diskomusik und Jungen denkt, steht Zoe alleine. Ebenso mit der Entdeckung ihres größten Wunschs, nämlich Klavierspielen zu lernen. Sie ist ein ausgeglichenes Kind, aber ihre lakonischen Kommentare sind nicht immer ganz frei von ersten Spuren der Bitterkeit und in ihrem Witz steckt mitunter ein Stachel, der ungewöhnlich ist für ihre zehn Jahre und ein klarer Hinweis darauf, dass sie es nie leicht hatte mit ihren Eltern.

 

Die Geschichte ist voller Situationskomik und Wortwitz, die Figuren sind ins Exzentrische überzeichnet, aber nie so, dass sie unglaubwürdig würden. Das ermöglicht Urban, blitzartig und völlig überzeugend von Dur in Moll überzuwechseln. In der fröhlichsten Melodie klingen mit einem Mal Dissonanzen, die beim Lesen immer mahnen zu bedenken, dass Familienleben alles andere als einfach ist.

 

Dass Zoe mit ihrem Kampfgeist ihre Eltern dann doch noch ansteckt, ist ebenso lustig wie glaubwürdig erzählt. Darüber hinaus ist Zoes Geschichte eine kleine und aufdringliche Liebeserklärung an das Klavierspielen. An Klaviermusik, klassisch und populär, an Kunst und Können, trotz Mühen und Ängsten, an die Perfektion, die nicht im abstrakt Vollkommenen, sondern im Individuum selbst liegt, gleich, wie wenig vollkommen es ist.

 

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Kommentar:
Das Leben ist kein Klavier, ist wirklich das lustigste Buch das ich je gelesen habe... Es ist cool, dass ich es mir gekauft habe, schreiben sie weiter so Frau Urban
| von --, 05.11.2010

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