Ingrid Lee: Wunderhund
01.07.2010
Ein Kampfhund zum Kuscheln?
Würden Sie Ihrem Kind guten Gewissens einen Pitbull Terrier als Spielgefährten erlauben? Wahrscheinlich gehen Ihnen bei der Erwähnung dieser Hunderasse Zeitungsartikel von zerfleischten Kleinkindern und schwer verletzten Hundehaltern durch den Kopf. Doch ausgerechnet eine junge Hundedame dieser übel beleumundeten Rasse wird zum Wunderhund. Von BEATE MAINKA
Und das geht so: Mackenzie hat in seinem 11-jährigen Leben schon einiges mitgemacht, den Tod der Mutter, die Gewalttätigkeiten des Vaters und den Weggang seines älteren Bruders Kid. Als sein Vater ihm eines Tages ein Fellbündel aufs Bett wirft, entpuppt sich dieses als ein kleines Pitbullmädchen namens Cash. Natürlich ist das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft und natürlich bedeutet Cash die Welt für den Jungen.
Er stört sich nicht an den Vorurteilen, die die Umwelt seinem Hund entgegenbringt, zumal Cash eine sehr gelehrige, kräftige Hündin wird. Als sie Mackenzie gegen eine Gewaltattacke des Vaters verteidigt, sind ihre Tage im Hause gezählt. Der Vater setzt sie aus und der Junge verzweifelt. Cash lernt, auf sich allein gestellt, zu überleben und knüpft Freundschaften mit einer alten Frau und einem kranken Mädchen, die sie durchfüttern.
Und dann kommt ihr großer Tag, an dem sie die alte Frau aus ihrem brennenden Haus rettet und die Bewohner der Stadt an ihren Vorurteilen zu zweifeln beginnen.
Lassie für Arme
Eigentlich haben wir diese Geschichte schon hundert Mal gelesen: einsamer Junge bekommt Hund, Hund geht verloren, wächst über sich hinaus, Junge findet Hund wieder – Friede, Freude, Eierkuchen! Genauso funktioniert dieses Kinderbuch auch, mit einem kleinen, aber gewichtigen Unterschied, denn seine tierische Heldin gehört zur ungeliebten Rasse des American Pitbull Terriers, die man im Volksmund gerne als aggressive und gefährliche Kampfhunde bezeichnet. Doch dieser Hund ist anders, wird zum Retter in höchster Not und ist damit so bewundernswert wie weiland Lassie in ihren Fernsehabenteuern. Hinzu kommt, dass Mackenzie mindestens genauso ein Underdog ist wie sein Hund, sozial benachteiligt, ungeliebt, angefeindet. Gemeinsam allerdings sind sie ein starkes Team und verkörpern genau diese ideale Kind-Hund-Symbiose, die uns in vielen Tiergeschichten so zu Herzen geht und kindliche Leser mit Sicherheit begeistern wird. Und da kann man dann auch darüber hinwegsehen, dass die Heldentaten von Cash in der Summe tatsächlich ein wenig unwahrscheinlich anmuten und das Happyend reichlich weichgespült daher kommt. Aber das Buch heißt ja nicht umsonst „Wunderhund“!
Das Hohe Lied auf eine ungeliebte Hunderasse
Man muss schon ein wenig schlucken, wenn eine so vorurteilsbeladene Hunderasse wie der American Pitbull im Mittelpunkt einer Kindergeschichte steht, denn genetisch wurden Pitbulls auf Aggression gezüchtet und sind damit nur für erfahrene Hundebesitzer geeignet. Doch offensichtlich ging es Ingrid Lee genau darum, diese Vorurteile zur Diskussion zu stellen und das setzt sie auch für Kinder verständlich um. Ihre Erzählperspektive richtet sich immer nach dem Erfahrungshorizont ihrer jungen Leser, ohne diese zu überfordern. Sie verschweigt nicht die Gefahren, die von unsachgemäßer Haltung ausgehen – es gibt ein Kapitel, da landet Cash tatsächlich in einer Kampfhundarena -, aber sie vermeidet es auch zu polarisieren. Und so ist dieser Hund eher ein gegen den Strich gebürsteter Held, mit einer großen Kämpfernatur, aber eben kein aggressiver Kampfhund, sondern tatsächlich zum Kuscheln geeignet.
Titelangaben:Ingrid Lee: Wunderhund (Dog Lost, 2008).
Aus dem Englischen von Gerda Bean.
Hamburg: Chicken House, 2010. 170 Seiten. 9,95 EUR.
Ab 10 Jahren
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