Mit dem Verlust leben lernen
Wigersma führt ihre sehr jungen Leserinnen und Leser von den ersten Sätzen an das Problem von Ole heran, klärt sie zunächst aber keineswegs darüber auf. Es ist eine Geschichte, die zum Mitdenken auffordert, nicht nur zum Mitfühlen. Leserinnen und Leser sind an Oles Seite, sie sehen, was er sieht, bleiben aber in der Zuschauerrolle und warten die Entscheidungen des Protagonisten ab. Oles Entscheidungen sind nicht in jedem Fall vorhersehbar, er hat seinen eigenen Kopf. Er ist ein sympathisches Kind, aber in der Verteidigung dessen, was er als seine Interessen betrachtet, zeigt er sich skrupellos. Seine Einfälle, mit denen er sich vor dem Schulbesuch drückt, werden lustvoll und auch lustig vorgeführt. Zugleich vermittelt Wigersma unaufdringlich, aber deutlich, was daran falsch ist. Sie mutet ihrem jungen Publikum dabei zu, über Grauzonen nachzudenken und berührt zudem ansatzweise die Frage, ob aus schlechtem Handeln Gutes werden kann und umgekehrt.
Erst allmählich wird aufgedeckt, was genau hinter Oles Verhalten steckt. Dass sich Wigersma eben damit Zeit läßt, verhindert gleichfalls, dass man Ole vor lauter Mitgefühl nur positiv wahrnimmt.
Die parallel aufgebaute Geschichte der älteren Nachbarsfrau Rosa bringt beträchtliche Spannung in die Handlung. Ole ist nicht nur Helfer, er wird zum Detektiv! Dass er, um sich selbst immer wieder einen Schubs zum Handeln zu geben, auf einen Comic-Helden, den sagenhaften Habichtmann zurückgreift, ist ein origineller und überzeugend eingesetzter Kniff.
Interessant für die junge Zielgruppe ist es schließlich, vorgeführt zu bekommen, dass auch Erwachsene leiden und nicht stets und allein mit allem fertig werden. Sicherheit gibt schließlich die Erkenntnis, dass niemand allein ist und dass sich jeder auch um den anderen bemüht, weil man sich im Grund gern hat.
Die kleinen Zeichnungen von Marion Goedelt, in schlichtem Schwarz-weiß und Orange, auf denen immer wieder einmal eine der Figuren die Arme ausstreckt oder mit den Armen etwas umschlingt, Liebe suchend, Liebe spendend, unterstreichen dieses Motiv. Währenddessen hüpft, rennt, springt oder mümmelt Kaninchen Hubert munter neben den Kapitelüberschriften und Ole darf Gesichter schneiden.
Ein ernstes Problem für Kinder in eine Geschichte mit freundlichem Unterton verpackt, aber mit Haken versehen, die in Erinnerung bleiben.
