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Donnerstag, 09. Februar 2012 | 12:56

Oscar Brenifier: Ich. Was ist das?

12.08.2010

Denken ist eine Reise ohne Ende

Neugierig sein, Fragen stellen, vor allem Fragen stellen dürfen, sollte für Kinder selbstverständlich sein. Aber kann man einfach darauf los fragen? Und wie steht es mit den Antworten? Wer gibt sie? Wie findet man sie? Indem man denken lernt, sagt der Philosoph. Auch zu Kindern. Von MAGALI HEISSLER

 

Philosophie hat für viele etwas Abschreckendes. Zu gewichtig klingt das, nach seltsamen, fernen Gedankengebäuden, die wenig mit dem Alltag zu haben. Ein Irrtum, sagt Oscar Brenifier. Philosophie geht uns alle an. Schließlich sind Menschen ihr Gegenstand. Am besten, man fängt schon als Kind damit an, mit der Philosophie und mit dem Nachdenken. Und wie? Indem man Fragen stellt, ganz normale, z.B. die Frage: Wer bin ich? Oder: Wie bin ich? Oder: Was bin ich?

 

Schon bei der Antwort aber beginnt das Abenteuer. Es gibt nämlich nicht nur eine, sondern mehrere Antworten. Mindestens jedoch zwei, eine positive, die Ja-Antwort, und eine negative, die Nein-Antwort. Schlimmer noch, zuweilen ist die Antwort gleich eine weitere Frage. Einfach ist das nicht und das soll es auch gar nicht sein. Schließlich soll man neugierig bleiben.

 

Nachdenken muss man auch nicht unbedingt alleine. Man kann über die Fragen und über die Antworten sprechen, gemeinsam nachdenken. Das ist Philosophieren.

 

Ein buntes Kompendium für wache Köpfe

Brenifier hat die hochkomplizierte Frage nach dem Ich eines menschliches Wesens auf geschickte Weise für Kinder aufbereitet. Er versteht es, Schwieriges in zunächst einfache Fragen zu umzuwandeln. Die jungen Leserinnen und Leser werden direkt angesprochen. "Bist du ein Tier?", fragt der Autor sie etwa. Oder: "Was verdankst du deinen Eltern?" Oder: "Betrachtest du dich gern im Spiegel?" Antworten folgen, Für und Wider, nur um in weitere Fragen zerlegt zu werden. Sechs Themenkreise hat er ausgewählt, vom Verhältnis von Mensch zu Tier bis hin zu Freiheit, die die Frage nach dem, was das Ich ausmacht, umkreisen.

 

Das Ganze ist breit angelegt und kommt munter und leichtfüßig daher. Tatsächlich ist es äußerst genau konstruiert. Hier wird nicht einfach ins Blaue gedacht, hier wird auf systematisches Denken vorbereitet. Es sind erste vorsichtige Schritte einer Denkschulung, wobei es keineswegs um vorgegebenes, sondern um geleitetes Denken geht, die Gewöhnung an eine strukturierte Vorgehensweise.

 

Brenifiers Text und die selbstbewusst-witzigen Illustrationen von Aurélien Débat gehen dabei Hand in Hand. Die einzelnen Kapitel sind farblich gekennzeichnet. Große Figuren zusammen mit entsprechend großen Bildern und großer Schrift sind jeweils Schwerpunkt und geben sozusagen die Rahmenhandlung. Kleine putzige Kartoffelmännchen stellen dann die anschließenden ‚kleineren’ Fragen, in der Regel hüpfen und wandern sie im unteren Drittel der Seiten herum. Eine Zusammenfassung mit passender Zeichnung rundet jedes Kapitel ab, die jeweils gegenüberliegende Seite verweist auf weitere Antworten oder weiter Bedeutungen der bis dahin gefundenen Antworten. Das Nachdenken ist eben nie zu Ende.

 

Die Ausstattung ist verlockend, vom warmen Gelb des Einbands bis zur robusten Bindung. Das ist ein Buch, das viel verträgt, vor allem, oft in die Hand genommen und durchstöbert zu werden auf der Suche nach Antworten wie Fragen. Der Innenteil ist angelegt wie ein Nachschlagewerk, mit Register am Rand, dessen Farben farblich den Kapiteln entsprechen und es so ganz leicht machen, rasch auf einzelne Fragen oder Aussagen zurückzugreifen.

 

"Denken ist ein Kinderspiel", behauptet der Verlag. Das ist Denken nun keineswegs, vor allem kein Spiel. Aber Denken ist durchaus eine Beschäftigung auch für Kinder und die spielerische Herangehensweise täuscht hier nicht über den Ernst hinweg, der dahinter steht. Nur ist es eben kein Ernst, der abschreckt, sondern einer, der bunt und pfiffig lockt, mitzumachen. Diese Aufforderung sollte man annehmen.

 

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