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Freitag, 25. Mai 2012 | 21:45

Julia Friese / Christian Duda: Schnipselgestrüpp

19.08.2010

Ohne Wenn und Aber

Trist ist die Welt, in der ein Junge aufwächst. Eltern, die nur vor dem Fernseher sitzen, nur das Notwendigste reden. Wie soll ein Kind in einer so uninspirierten Welt Fantasie und Kreativität entwickeln? Von ANDREA WANNER

 

Eine Frau und ein Mann verbringen ihre Zeit – die sie im Überfluss haben –vor der Flimmerkiste. Die einzige Unterbrechung des grauen Fernsehalltags ist das nachmittägliche Klingeln an der Haustür. „Der Junge ist da.“,  heißt es dann. Das Kind, das keinen Namen hat, ist aus der Schule zurück und verzieht sich in sein leeres Zimmer, in dem nur ein Stockbett steht und auf dem Boden Zeitungen liegen als Teppichersatz. „Der kostet nichts“, sind die Eltern stolz, denn das Geld ist knapp. Was fehlt ist ein Geldscheißer, den der Junge erfinden will, wenn er groß ist. Bis dahin lebt er in diesem auf den ersten Blick so trost- und freudlosen Zuhause – und fliegt um die Welt!

 

Mit Schere und Fantasie

Schnipp. Schnapp. Der Junge hat kein Spielzeug, von Freunden keine Spur. Aber hat die Zeitungen, die seine Mutter aus dem Mülleimer im Hof bringt. Dort ist die Welt voller grandioser Abenteuer, die er alle in sein Zimmer holt: Flugzeuge, Zeppeline, Wale, Dinosaurier, Elefanten. Er schaut, entdeckt, schneidet aus und klebt an die Wand. Zunächst einzelne Objekte, dann bastelt er aus Textschnipseln Collagen und ergänzt mit wenigen Strichen und baut wundersame, surreale Welten auf. Da reitet ein Playmobilmännchen auf einem fliegenden Kamel oder lässt ein Rugbyspieler an einer Schnur ein Flugzeug steigen, an dem eine Primaballerina hängend Kunsttücke vollführt. Eine verrückte Traumwelt entsteht da an der Wand – bis die Mutter sie in einen Müllsack entsorgt und mit neuen Zeitungen, neuen unerhörten und noch nie gesehenen Dingen zurückkehrt.

 

Berge versetzen

Ein Junge verschwindet in einer Parallelwelt. Als er einen Artikel mit vielen Bildern über eine Gottesanbeterin entdeckt, geht mit ihm eine kafkaeske Verwandlung vor. Er WIRD zur Gottesanbeterin, zu einem Rieseninsekt, das kopfüber im üppigen Grün hängt. Aber anders als Gregor Samsa, für den die Metamorphose in ein menschengroßes Ungeziefer in der totalen Vereinsamung endet, gelingt der Gottesanbeterin das scheinbar Unmögliche: die – wenn auch zunächst zögerlich behutsame – Kommunikation mit den Eltern.

 

In  ihrem zweiten gemeinsamen Bilderbuch wagen sich Christian Duda und Julia Friese an ein wahrlich schwieriges Thema. Das soziale Milieu einer Hartz-IV-Familie, in der die arbeitslosen Eltern nichts mit sich und ihrer Zeit anfangen können, wird sparsam aber gezielt als Hintergrund für die Entdeckerlust eines aufgeweckten Jungen platziert. Das Zuhause in mit gedeckten Tönen in Grau, Beige und Grün ist alles andere als einladend. Die Mutter ist übergewichtig, die roten Kirschohrringe wirken fehl am Platz, der Vater hat eingefallene Wangen und ist schlecht rasiert. Und der Junge setzt dieser ganzen Tristesse seinen kindlichen Eifer, seine Naivität und seinen Optimismus entgegen. Auf den „Quatsch“ mit der Gottesanbeterin angesprochen, meint er nur: „Es funktioniert, weil ich es will.“ Und als sein Vater nicht lockerlässt und ihm weitere Aber entgegenhält, wird er energisch: „Ich bin eine Gottesanbeterin ohne Wenn und Aber. Ohne Wenn und Aber kann man alles.“

 

Heile Welt?

Man könnte dem preisgekrönten Duo vorwerfen, dass das Leben so einfach nicht ist, dass Arbeitslosigkeit nicht allein mit gutem Willen zu besiegen ist, dass jeder Mensch den Lebensmut und die Energie verliert, wenn alles im Leben schiefläuft. Dass man es nicht kann, liegt an den leisen Tönen, die sie für ihre Geschichte wählen, an dem verhaltenen Optimismus, mit der sie Schritt für Schritt, Bild für Bild, die schäbige Wohnung in ein grünes Paradies verzaubern. Der Blick aus dem Fenster geht nicht mehr ins Leere, sondern man entdeckt saftiges grünes Gras, auf der vergilbten Wand ranken sich Pflanzen, der Gottesanbeterin hat sich ein Frosch hinzugesellt und im Haar der Mutter erblüht eine rote Blume. Auf ihrem vormals so ausdruckslosen Gesicht aber liegt ein zaghaftes Lächeln.

 

Man rettet die Welt nicht mit Bilderbüchern, mit Papierschnipseln, Klebeband und Fantasie. Fraglich ist auch, ob das Buch in die Hände derer gelangt, die darin geschildert werden. Aber es legt den Finger an eine Wunde unserer Zeit, die alle betrifft. Und im Dschungel des Lebens konnte das richtige Buch zur richtigen Zeit schon manchmal kleine Wunder vollbringen.


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