Wanderungen zwischen Wirklichkeit, Traum und Albtraum
Stössingers Kinderbuch erzählt eine seltsame Geschichte. Was vor sich geht, erschließt sich nur den Leserinnen und Lesern, die beiden Hauptpersonen, Jonna und Tante Ursula, verstehen es bis zum Ende nicht. Man folgt den beiden durch eine sehr fremde Welt, die auch fremd bleibt. Es ist nicht einmal sicher, ob die beiden die Entstehungsgeschichte der Insel kennen, die zusammen mit elf weiteren Felsenkugeln in diesem grauen windigen Meer schwimmt. Diese Geschichte ist für sich genommen schon ein wunderbares Märchen, es ist der eigentlichen Handlung vorangestellt. Was Jonna und ihre Tante erleben, schwankt zunächst zwischen Scherz und Ernst, z.B., wenn die Ansprüche an die üblichen Standards des Pauschaltourismus laut werden oder die beiden sich bemühen, in herrischem Touristenenglisch bei den völlig desinteressierten Inselbewohnern Gehör zu finden.
Parallel dazu wird die Geschichte der Schafe erzählt. Tatsächlich tobt ein heimlicher. unerbittlicher Krieg auf der Insel. Es ist Sache der Leserinnen und Leser ihn zu ergründen, ebenso wie es ihre Aufgabe ist, die Sprache der Schafe zu entschlüsseln. Die Autorin gibt nichts vor. Es ist ein anspruchsvolles Buch für anspruchsvolle Kinder, die gerne puzzeln.
Im Verlauf der Handlung wird die Geschichte düsterer, das Unbehagen wächst beim Lesen, die bedrohliche Atmosphäre schwingt einem förmlich aus den Zeilen entgegen. Die Zeichnungen von Hannes Binder unterstützen die düstere Atmosphäre geradezu unheimlich gut. Mehr und mehr hat man den Eindruck, an der Seite Jonnas durch ein albtraumartiges Labyrinth zu spazieren, das kein Ende zu haben scheint.
Es ist eine Geschichte darüber, dass man nicht selten das, was man vor Augen hat, am wenigsten sieht, über die Täuschungen, denen sich Erwachsene hingeben und über die Klarsicht von Kindern, die allerdings nur ihnen nützt. Es ist eine Geschichte über die Schwierigkeiten von Kommunikation. Menschen, klein oder erwachsen, ebenso wie die Schafe müssen sich mit Bruchstücken zufriedengeben, jeder deutet und alle deuten falsch. Trotz seiner komischen Momente - und sie lassen sie einen zuweilen laut auflachen - ist es eben diese Erkenntnis, die dem Buch letztlich etwas Beängstigendes gibt. Das wird auch mit dem schönen und nicht nur für Kinder beruhigenden Schluss nicht ganz aus der Welt geschafft. Und das ist das Beste an diesem seltsamen guten Buch. Es ist ehrlich. In letzter Konsequenz bleibt das Leben nämlich wirklich ein Rätsel.