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Freitag, 25. Mai 2012 | 21:46

Isol: Wie siehst du denn aus?

11.10.2010

Erstaunliche Erkenntnisse

Eine geschlossene Tür und ein Blick durchs Schlüsselloch auf dem Cover: was ein kleines Mädchen über die eigene Familie herausfindet, lässt ihr im wahrsten Sinne des Wortes die Haare zu Berge stehen. Von ANDREA WANNER

 

Die Kleine lässt die Katze sofort aus dem Sack. „Ich habe ein Geheimnis“, verrät sie uns mit weit aufgerissenen Augen, in denen man noch das Entsetzen lesen kann, „Meine Mutter ist in Wahrheit ein Stachelschwein.“Alles beginnt damit, dass die junge Dame eines Morgens früher aufsteht als gewohnt. In der Küche erwarten sie Cornflakes und Milch und: ein Stachelschwein. Nein, da gibt es keinen Zweifel: das zweibeinige Wesen, dem schwarze Borsten vom Kopf nach allen Richtungen abstehen, spielt seine Mutterrolle gut. Aber die eigene Tochter hat sie durchschaut, kennt jetzt den wahren Grund für all die Cremes und Shampoos. Es geht nur darum, dass keiner die Wahrheit erfährt.

 

Familiengeheimnisse

Damit fertig zu werden, dass die eigene Mutter nicht die ist, für die man sie immer gehalten hat, ist eine Sache. In der Angst zu leben, dass die Verwandlung in ein Stachelschwein vielleicht erblich sein könnte, eine andere. Der morgendliche Blick in den Spiegel legt die fürchterliche Vermutung nahe, dass ihr dasselbe Schicksal droht. Eine Nacht bei der besten Freundin Elisa, Tochter einer sehr eleganten Mutter mit Lockenfrisur, soll ein bisschen für Entspannung sorgen. Aber es kommt ganz anders!

 

Isol, hinter der sich die 1972 in Buenos Aires geborene Kinderbuchautorin und  Illustratorin Marisol Misenta verbirgt, lässt die kleine Alltagsgeschichte ganz aus der kindlichen Perspektive erzählen, während ihre expressiven Grafiken die Realität zeigen. Wir erfahren, wie die Kleine aus dem, was sie sieht, ihre Schlüsse zieht. Ihre Interpretation der Welt ist voller Fantasie und es erwachsen daraus Ängste, die man mit logischen Erklärungen abzutun versuchen könnte oder die man – wie Isol – auch einfach stehenlassen kann. Text und Illustrationen wirken wie kleine, unwiderrufliche Statements. So ist es! Und schon schleicht sich Besorgnis ein. „Ist es wirklich so?“.

 

Unsicherheiten

Das kleine Bilderbuch aus Argentinien ist ein kluges Spiel mit Sein und Schein, das sich nicht durch nette Kinderbildchen anbiedert sondern in einer eigenen Bildsprache mit reduzierter Farbigkeit und eindrücklichen, ausdrucksstraken Figuren den Ernst der kindlichen Verunsicherung betont. Es endet nach erdbebengleichen Katastrohen durchaus harmonisch mit einem Hilferuf an die Mutter. „Mamilein“ mag zwar ein Stachelschwein sein, aber immerhin bewegt man sich in der eigenen Familie noch auf vergleichsweise sicherem Terrain. Eine endgültige Auflösung der Spannung liefert Isol nach dem „ENDE“ der Geschichte, gewissermaßen im Abspann. Da werden nämlich alle dazu aufgefordert neben den „Stachels“, „Loewes“, „Baers“ und „Adlers“ auch ein morgendliches Erscheinungsbild der eigenen Familie in einen leeren Bilderrahmen einzufügen – abschreckend ist höchstens noch die frühe Uhrzeit: 6 Uhr morgens. Wer da einen Blick in den Spiegel wagt, könnte eine Überraschung erleben.


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