Schleichendes Unglück
In kleinen Episoden erzählt Lembcke diese Familiengeschichte, die sich fast über zwei Jahre erstreckt. Es beginnt als ganz normaler Kinderalltag, konsequent aus dem Blickwinkel der zehnjährigen Ich-Erzählerin geschildert. Geschwisterliebe, Geschwisterstreit, seltsame und weniger seltsame Verhaltensweisen von Erwachsenen, die die Kinder mit Geduld, aber auch echter Verblüffung registrieren, was für manchen Lacher sorgt. Eine liebende und geliebte Tante, die einen wundervollen Urlaub in einem sagenhaften Land namens Finnland organisiert, ein Paradies, das alles hält, was es versprochen hat.
Die Brüche und Unsicherheiten machen sich nur langsam bemerkbar. Tatsächlich behüten die Erwachsenen die Kinder vor dem Schlimmen so lange es geht. Als es nicht mehr geht, kommt die Aufklärung. Sie ist behutsam, aber so geschickt gemacht, dass auch sehr junge Leserinnen und Leser sie sofort verstehen und darüberhinaus in die Lage versetzt werden, im Nachhinein die Zeichen zu deuten. Die Krankheit der Mutter, eine Depression, wird mit knappen Worten, aber eindringlich und genau geschildert. Es geht hier nicht ums Erschrecken, sondern um Verständnis.
Dass Alice Ähnliches mit einem Elternteil mitmacht, wie Sophie, wäre aufgesetzt, wirkte Lembckes schlichte Erzählweise dem nicht entgegen. Was der Autorin gelingt, ist, beim Erzählen Glück und Leid dieser Familie so gut zu mischen, dass verständlich wird, dass beides zum Leben gehört, Leid aber Glück nicht zerstört. Tatsächlich bleibt nach dem Lesen beides in Erinnerung, die hellen und die dunklen Tage, die Sophie und ihre Geschwister erleben.
Natürlich wird auch das Geheimnis des rätselhaften Titels gelöst, ein feiner Kniff und eines der vielen Wortspiele und Sprachspielerein, die sich Lembcke ganz sicher auch zum Vergnügen ihrer künftigen kleinen Leserinnen und Leser in diesem Buch erlaubt.
Sehr gelungen ist die Covergestaltung von Kathrin Schärer, die sehr originell - die vier Kinder sitzen mit dem Rücken zum Publikum! - die tragenden Motive der Geschichte umsetzt und die zugrundeliegende Atmosphäre auf den Punkt genau einfängt.

