Lösungen für ein Problem?
Doch dann kommt der Schock: Seine Eltern, die sich schon länger laufend streiten, wollen sich jetzt scheiden lassen. Und was ist mit Paul? Er wird vertröstet. Aber dann muss sein Vater wegen Depressionen in eine Klinik, und Paul ist völlig allein in seinem Elend. Auch wenn er Oma Käthe hat. Und als sie ins Krankenhaus muss, passen die anderen im Haus auf ihn auf und lassen ihn bei sich schlafen: der Gewürzhändler Engin Üdal und seine Frau Bibi Hensel, die als Model arbeitet, Dr. Adam Schwarzhaupt, ein ehemaliger Anwalt, Carmen und Carlo, die ein Geschäft für Brautmoden haben. Es ist ein gutes Haus, eine gute Hausgemeinschaft, auch wenn es mal Streit gibt: Denn wenn jemand in Not ist, wird ihm geholfen.: Adam Schwarzhaupt wimmelt einen Herrn vom Jugendamt ab, Dr. Ewald Kimmich und Hanni Drübernaus geben Paul Nachhilfe, und alle zusammen feiern nicht nur Hoffeste, sondern auch Pauls Geburtstag. Trotzdem: Für Paul ist das Leben aus den Fugen geraten.
Peter Härtling, der mit „Ben liebt Anna“ einen schönen Klassiker für Kinder geschrieben hat, erzählt ganz unaufgeregt von einem Jungen, dem seine Eltern abhanden gekommen sind und der mit diesem Schrecken und seiner Einsamkeit nicht recht umgehen kann. Leider bleiben die Figuren allzu blass, mehr als ein paar Andeutungen erlaubt Härtling sich nicht zur Charakterisierung. Sogar Pauls Innenwelt, von der er ab und zu erzählt, bleibt farblos, nur ein bisschen Trauer und ein klein bisschen Wut werden deutlich, die aber zu nichts führen.
Zu viel mischt Härtling in seinem Roman zusammen, mit seinen vielen Personen und einer kleinen Krimihandlung bleibt er zu oberflächlich, und auch seine zu wenig feinfühlige Sprache kann weder die reiche Welt eines Kindes, seine Ängste und seine Einsamkeit, seine Hoffnungen und Enttäuschungen noch die Konflikte so richtig lebendig werden lassen. Was zu einem gefühlvollen Kindheits- und Scheidungsroman und einer aufregenden Schilderung eines etwas ungewöhnlichen Mietshauses hätte werden können, bleibt so leider allzu betulich. Wäre man böse, könnte man auch sagen, das Buch ist Sozialkitsch.

