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Freitag, 25. Mai 2012 | 21:46

Claire Clément: Opa sagt, ich bin sein Glückskind

15.11.2010

Eine Rettungsaktion

Manche Menschen sind schon tot, ohne dass sie es merken. Andere sterben innerlich, und man weiß nicht wie man ihnen helfen kann. So geht es auch Fanny, die aber auf gar keinen Fall will, dass Opa ins Pflegeheim muss, nur weil er nach Omas Tod so tieftraurig ist. GEORG PATZER freut sich, dass ihr etwas einfällt.

 

Wenn jemand stirbt, ist es immer ein Schock. Und je länger man mit jemandem zusammengelebt hat, desto schlimmer: Da ist auf einmal ein Riesenloch im Leben. So geht es auch Fannys Opa Emil, als seine Frau aus ihrem Mittagsschlaf einfach nicht mehr aufwacht: Er bricht zusammen, „sein Gesicht eng an Omas geschmiegt. Er hat kleine Schreie ausgestoßen. Als hätte er Schmerzen, aber seine Augen weinten nicht.“ Vorher war er noch richtig lebenslustig, ging regelmäßig ins Dolce Vita, wo er mit seinen Freunden Skat spielte, hat gerne im Garten gearbeitet oder  für Fanny und Theo kleine Rätselgedichte erfunden. Die Lösung hat er nie verraten.

 

Absturz

Aber jetzt ist er wie tot: „Opa ist von innen gestorben. Sein Herz hat nicht aufgehört zu schlagen. Sein Herz schlägt weiter, aber ohne ihn.“ Er sitzt nur noch da und starrt Omas Foto an, isst nur noch auf Befehl, würde nicht aufstehen und sich nicht anziehen. „Er antwortet nicht, wenn man mit ihm spricht; ich glaube, er hört nicht hin. Er ist woanders, weit weg, ganz weit weg.“ Natürlich kümmern sich alle um ihn, aber irgendwann wird es zu viel, und Fannys Mutter sucht einen Platz im Pflegeheim, als sich sein Zustand nicht bessert.

 

Ausweg

Claire Clément hat ein kleines, unaufdringliches Buch geschrieben über Trauer und Verlust, über den Umgang mit Verzweifelten und über Außenseiter. Denn wo die alleinerziehende, arbeitende Mutter nicht anders kann als den Opa abzuschieben, weiß die kleine Fanny genau, dass das nicht sein kann. Sie greift zur Selbsthilfe und entführt ihn, kurz bevor er ins Heim soll. In der Nähe der Bahngleise findet sie einen verlassenen Waggon, in dem sie ihren Opa einquartiert. Allerdings wohnt da schon jemand: Bobbel, ein „Penner“.

 

Ganz langsam versteht Fanny, was mit ihrem Opa ist. Yasmina, eine Freundin ihrer Mutter, sagt ihr einmal: „In meinem Land erzählt man, dass Tränen, das Gehirn, den Geist, das Herz waschen, dass sie ein Bad für die Seele sind. Dass dein Opa nicht weinen kann, zeigt, wie groß sein Schmerz ist. Er frisst an ihm.“ Und einmal denkt Fanny an ihren letzten Liebeskummer, wo sie sich fühlte, „als hätte man mein Herz betäubt.“ Und da ist ein „warmes Nest zum Einschlafen“, das er im Heim hätte, gerade nicht das richtige: Opa braucht etwas, das ihn anregt. Aber es ist auch wieder nicht so einfach, ihn aus seiner Betäubung zu schälen, zum Leben zu erwecken. Clément weist niemandem Schuld zu, sondern erzählt nur, was passiert. Leicht kann man sich ausmalen, was auch geschehen könnte, die Drohung hängt immer über diesem leisen Buch ohne Zeigefinger. Es geht noch einmal gut aus. Aber es hätte auch anders kommen können.


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