Ausweg
Claire Clément hat ein kleines, unaufdringliches Buch geschrieben über Trauer und Verlust, über den Umgang mit Verzweifelten und über Außenseiter. Denn wo die alleinerziehende, arbeitende Mutter nicht anders kann als den Opa abzuschieben, weiß die kleine Fanny genau, dass das nicht sein kann. Sie greift zur Selbsthilfe und entführt ihn, kurz bevor er ins Heim soll. In der Nähe der Bahngleise findet sie einen verlassenen Waggon, in dem sie ihren Opa einquartiert. Allerdings wohnt da schon jemand: Bobbel, ein „Penner“.
Ganz langsam versteht Fanny, was mit ihrem Opa ist. Yasmina, eine Freundin ihrer Mutter, sagt ihr einmal: „In meinem Land erzählt man, dass Tränen, das Gehirn, den Geist, das Herz waschen, dass sie ein Bad für die Seele sind. Dass dein Opa nicht weinen kann, zeigt, wie groß sein Schmerz ist. Er frisst an ihm.“ Und einmal denkt Fanny an ihren letzten Liebeskummer, wo sie sich fühlte, „als hätte man mein Herz betäubt.“ Und da ist ein „warmes Nest zum Einschlafen“, das er im Heim hätte, gerade nicht das richtige: Opa braucht etwas, das ihn anregt. Aber es ist auch wieder nicht so einfach, ihn aus seiner Betäubung zu schälen, zum Leben zu erwecken. Clément weist niemandem Schuld zu, sondern erzählt nur, was passiert. Leicht kann man sich ausmalen, was auch geschehen könnte, die Drohung hängt immer über diesem leisen Buch ohne Zeigefinger. Es geht noch einmal gut aus. Aber es hätte auch anders kommen können.

