K. A. Nuzum: Hundewinter
13.12.2010
Keine Winteridylle
In der modernen Gesellschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts ist man leicht geneigt zu vergessen, wie feindselig ein richtiger Winter mit Kälte, Schnee und Eis ist. K. A. Nuzum erzählt mit ihrer fast archaisch anmutenden Geschichte ‚Hundewinter’ von dieser Gefahr, aber auch davon, wie man ihr mutig begegnen kann. Und kreiert auf diese Weise ein Weihnachtswunder ganz eigener Art. Von MAGALI HEISSLER
Dessa lebt mit einem Trauma. Vor wenigen Wochen erst ist ihre Mutter erfroren, draußen im Winterwald, wo auch die abgelegene Hütte steht, die Dessa nun nur noch mit ihrem Vater bewohnt. Sie leben von dem, was der Vater, Jäger und Fallensteller, bei seinen täglichen Rundgängen erbeuten kann, sowie den Vorräten, die die Mutter im Sommer angelegt hat. Der Tod ihrer Mutter hat Dessa so erschüttert, dass sie nicht nur an Albträumen leidet, sondern auch unfähig ist, die Hütte zu verlassen. Nicht einmal zur Außentoilette kann sie gehen, so sehr sie sich auch schämt, muss sie den Nachttopf benutzen, wie ein ganz kleines Kind. Dessa kämpft dagegen an, aber die Lage scheint aussichtslos, der Winter draußen ist unerbittlich, kalt und böse.
Bis der Hund auftaucht. Ein fremder Hund, misstrauisch, aber genauso neugierig auf Dessa, wie das Mädchen neugierig auf den Hund ist. Allerdings ist die Beziehung von Anfang an problematisch. So wie Dessa die Außenwelt, scheut der fremde Hund das Innere der Hütte. Ein Kompromiss muss gefunden werden und zwar einer, den auch noch Dessas Vater, der sich zu Recht Sorgen um Nahrung und Brennholz macht, akzeptieren kann. Ein Wunder ist gefordert und es kommt tatsächlich, unerwartet-erwartungsgemäß, vorhersehbar und unvorhergesehen zugleich. Wie Wunder eben so sind.
Eine ganz große kleine Geschichte
Ein kleines Mädchen, der tragische Tod eines Elternteils, ein halbwilder Hund, ein Winterwald und dann auch noch Weihnachten, das genügte eigentlich, um eine vor einem solchen Kinderbuch zurückschaudern zu lassen. Aber nichts an dieser Geschichte ist vorhersehbar, obwohl sie alle Ingredienzien hat, die man nur erwarten kann. Mit einer geradezu beneidenswert leichten Hand umgeht die Autorin jede Falle, vermeidet Klischees. Selbst den holzgeschnitzten Weihnachtsengel nimmt man ohne die Träne falscher Rührung geradezu mit Freude hin. Diese Art, eine Geschichte zu erzählen, ist schon ein Wunder an sich.
Gelungen sind auch die Charakterisierungen. Nuzum beschränkt sich auf Skizzen, Umrisse, wenige Motive. Das Minimalistische regiert, der Rest bleibt der Fantasie der Leserinnen und Leser überlassen. Vater, Kind, Hund, es sind nur Vokabeln, aber plötzlich stehen sie da, in Lebensgröße. Der schweigsame Mann, dessen Hintergründe fast völlig im Dunklen bleiben, dessen Trauer man vor allem in seiner Fürsorge für die Tochter ablesen kann. Das traumatisierte Mädchen, das selbst in der Hütte eine kratzige Wollmütze trägt, weil es sich an jenem Tag, an dem die Mutter umkam, Erfrierungen an den Ohren zugezogen hat, ein äußerer Schmerz, der ihrem inneren Ausdruck verleiht und unheilbar scheint. Der braune Hund, der infolge einer unbekannten und auch unaufgeklärt bleibenden eigenen Geschichte gleichfalls traumatisiert ist. Die Perspektive ist auf den Blick der Elfjährigen Ich-Erzählerin beschränkt.
Die tödliche Kälte wirkt nur noch bösartiger, wenn sie an den seltenen Flecken echten Sonnenlichts gespiegelt wird, an denen sich Kind und Hund wärmen, und das im Lauf der Handlung langsam von dem Licht abgelöst wird, das sich in den Weihnachtssternen aus Metallspiralen fängt, die Dessas Mutter aus Blechdosen geschnitten und zusammengefügt hat. Winter, Sommererinnerungen, Weihnachten werden so kunstvoll zugesammengespannt und damit auch die Erinnerungen an die Mutter. Selbst die Mutter wird lebendig und zugleich für die Personen des Buchs zur lebendigen Erinnerung. Kurz ist auch die Zeitspanne, in der sich alles abspielt, es ist die letzte Woche vor Weihnachten.
Der harte Alltag als Spannungsmoment
Der Erzählton ist ruhig, die hohe Spannung, die sich aufbaut, ist eine innere. Es geht um die kleinen alltäglichen Handreichungen, um das Beschaffen von Nahrung, Wärme, das schlichte Überleben. Um Schularbeiten, um häusliche Pflichten. Um Einsamkeit, Verantwortung und darum, das verlorene Vertrauen in die Welt wiederzufinden. Die Gefahr, die von der Kälte und von wilden Tieren ausgeht, ist allgegenwärtig. Sie kulminiert, aber auch hier ist der Ausgang unerwartet. Ebenso wie das Weihnachtsfest, das am Ende doch gefeiert wird.
Umgesetzt ist die Geschichte von Gerda Bean in ein wunderschönes Deutsch, ein zusätzliches Lob gebührt der Umschlaggestaltung, sowohl der Illustration als auch der Farbwahl, nämlich einem intensiven Sonnengelb von Vorsatzblatt und Leinenrücken, das sich auch im Lesebändchen, ein echter Luxus in einem Kinderbuch, wiederfindet und das die gegensätzlichen Stimmungen, die die Atmosphäre des Buchs prägen, zusammenbringt.


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