Claudia Schreiber: Sultan und Kotzbrocken
14.03.2004
Geniale Blödeleien
Sultan sein ist eine ganz schön langweilige Beschäftigung. Den ganzen Tag über nichts anderes zu tun als auf Bergen von bestickten Kissen (das Besticken ist die Aufgabe der etwa hundert Frauen des Sultans) rumlungern und zum Fenster hinausschauen ist auf Dauer doch recht eintönig. Zum Glück ist der Kissenberg so hoch, dass der Sultan einen Kran braucht um auf den Kissenstapel hinauf bzw. von dort wieder hinunter transportiert zu werden. Denn zur Bedienung der Seilwinde braucht es einen Diener und diesen Job übernimmt ein schusseliger Fremder. Der stellt sich dabei so ungeschickt an, dass der Sultan bei den Aktionen meistens auf seinem Allerwertesten landet und ein herzhaftes "Du Kotzbrocken!" brüllt. Wie gesagt: zum Glück. Denn ohne Kotzbrocken ginge das Leben spurlos an Sultan vorüber. So lernt er ein Telefon kennen, macht sich Gedanken darüber, was ihm tatsächlich schmeckt, oder fährt auch mal samt Frauen und komplettem Hausrat in Urlaub.
Die Begegnungen zwischen Sultan und Kotzbrocken, dem ahnungslosen Herrscher und dem schlichten Mann aus dem Volk schildert Claudia Schreiber einfach umwerfend. Es sind Geschichten um ihrer selbst Willen, voller Situationskomik und ohne die Absicht, aus dem naiven Sultan einen weisen Herrscher zu machen, wie das im Märchen wohl der Fall wäre. Üppig bebildert von Sybille Hein erwacht der Sultanspalast zum Leben, turnen die Harems-damen über die Seiten und staunt der Sultan mit seinem kürbisgroßen roten Turban über immer neue, ungeahnte Geheimnisse des Lebens - und sei es nur ein Wannenbad, das er sich ohne seine Frauen, dafür aber auch ohne Wasser gönnt. Der fröhliche Klamauk aus Tausend-und-einer-Nacht lässt sich wunderbar vorlesen und eine Prise Weisheit enthalten viele der genialen Blödeleien vielleicht doch.
Andrea Wanner
Claudia Schreiber: Sultan und Kotzbrocken. Mit Illustrationen von Sybille Hein. Hanser 2004. Gebunden. 88 Seiten. Ab 6 Jahren. 13,90 Euro. ISBN: 3-446-20335-2