Jenny Nimmo: Charlie Bone und das Geheimnis der sprechenden Bilder
14.03.2004
Internat mit besonderen Bewohnern und ein bisschen Hokuspokus
Noch einen Versuch, die potterfreie Zeit nicht ohne Buch zu überstehen, startet Jenny Nimmo mit einem neuen Helden: Charlie Bone. Das Rowlingsche Rezept macht Schule: auch Charlie ist außer der Tatsache, dass er Halbwaise ist und von einer fürchterlichen Großmutter à la Mrs Dudley schikaniert wird, mit einer besonderen Gabe ausgestattet: er kann die Personen auf Bildern und Fotos sprechen hören. Auch bei ihm dauert es einige Jahre, ehe diese merkwürdige Begabung zum Vorschein kommt, und auch er soll auf eine spezielle Schule, die Bloor-Akademie, um dort seine Ausbildung zu vervollständigen. Denn Charlie ist nicht der einzige, der über merkwürdige Kräfte verfügt.
Das Foto, das Charlie nun in der Hand hielt, zeigte einen Mann mit einem Baby auf dem Schoß. Der Mann saß in steifer Haltung auf einem Stuhl. Er hatte schütteres, schon etwas graues Haar und ein langes, trauriges Gesicht. Sein zerknitterter Anzug war schwarz, und durch die dicken Brilengläser wirkten seine blassgrauen Augen irgendwie starr und leblos. Statt das Foto wieder in den Umschlag zu stecken, guckte Charlie wie gebannt darauf. Er konnte den Blick einfach nicht losreißen. Er fühlte sich merkwürdig benommen, und in seinen Ohren hallten seltsame Geräusche wie rauschende, knatternde Radiostimmen, wenn man den Sender nicht richtig reinkriegt. Was war das bloß? Charlie wunderte sich. "Oh", sagte er. "Äh, was…?" seine eigene Stimme klang weit weg wie durch eine Nebelwand.
Keine Angst: das ist kein Potter-Abklatsch sondern von der ersten bis zur letzten Seite ein wirklich packendes Abenteuer. Charlie stürzt sich zwar nur ungern in die Aufgabe, die ihm gestellt wird - ein Mädchen zu finden, das vor Jahren als Baby verschwunden ist und dessen Verschwinden im Zusammenhang mit einer geheimnisvollen Kiste steht. Als er es aber tut, geschieht es mit vollem Einsatz. Seltsame Typen begegnen uns im Umfeld von Charlie: seine widerliche Großmutter und ihre entsetzlichen Schwestern, der undurchsichtige onkel und jede Menge Leute, bei denen man lange im Zweifel ist, auf welcher Seite sie nun eingentlich sind. Aber natürlich stehen Charlie auch echte Freunde zur Seite, auf die in allen Lebenslagen hundertprozentig Verlass ist.
Das Erfolgsrezept - Internat mit besonderen Bewohnern, Schülern wie Lehrern, und ein bisschen Hokuspokus - ist ein weiteres Mal für eine tolle Story gut. Und noch eine Gemeinsamkeit zu Harry gibt es: Fortsetzung folgt. Hoffentlich müssen wir nicht so lange darauf warten!
Andrea Wanner
Jenny Nimmo: Charlie Bone und das Geheimnis der sprechenden Bilder. Aus dem Englischen von Cornelia Holtfeder-von der Tann Ravensburger 2003. Gebunden. 360 Seiten. Ab 10 Jahren. 13,95 Euro. ISBN: 3-473-34427-3