Maria Parr: Sommersprossen auf den Knien
28.02.2011
Beziehungsprobleme
Für gewöhnlich bezieht sich der Ausdruck »Beziehungsprobleme« auf eine Paargemeinschaft Erwachsener. Es gibt aber noch andere und in unserer Gesellschaft sehr wichtige Paarungen, das sind die zwischen Kinder und Eltern. Zuneigung, Abneigung, sich finden und verlieren, verlassen und wieder aufnehmen, sich anzicken, anschreien, helfen, ärgern und aneinander freuen, es gibt kein Gefühl, das es in den Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen nicht gibt. In ihrem zweiten Kinderroman Sommersprossen auf den Knien deckt Maria Parr sie auf, über drei Generationen hinweg. Ein erstaunliches Panorama.Von MAGALI HEISSLER
Es ist Winter und die (fast) zehnjährige Tonje erlebt ihn in idyllischer Umgebung. Sie lebt in einem kleinen Tal an einem Fjord, es gibt nur wenige Häuser, dafür viel Natur. Tonje, mit einem feuerroten Haarschopf und einem Übermaß an Temperament ausgestattet, genießt das aus vollem Herzen. Was sie bedauert, ist, dass sie das einzige Kind in Glimmerdal ist. Klaus Hagen, der Besitzer des Wellness-Camping vor Ort, bedauert es nicht. Er findet, dass schon Tonje allein zuviel an Kind ist. Abgesehen von dem stets grimmig blickenden Hagen sind die wenigen anderen Bewohnerinnen und Bewohner Glimmerdals Tonjes Freunde. Am besten versteht sie sich mit dem über siebzigjährigen Gunnvald, ihrem Patenonkel, der zugleich Großvaterstelle bei ihr einnimmt. Was Tonje nicht an Verrücktheiten ausbrütet, das denkt sich Gunnvald aus. Die beiden sind füreinander geschaffen.
Dann aber hat Gunnvald einen Unfall, er muss ins Krankenhaus in der Stadt jenseits des Fjords. Tonje übernimmt es, auf sein Haus aufzupassen. Bald darauf jedoch taucht eine fremde Frau auf in Glimmerdal. Tonje muss erkennen, dass ihr allerbester Freund ihr nicht nur Wichtiges aus seinem Leben verschwiegen hat, sondern dass das Geheimnis auch ein wenig schönes Bild von ihm zeichnet. Wo vor kurzem noch Freude, Liebe und Spass geherrscht haben, breiten sich nun Eifersucht, Zorn und Abneigung aus. Damit ist auf einmal der ganze Einsatz von Tonjes Temperament auf eine ganz neue Weise gefragt, nicht zuletzt für sie selbst.
Die Bürde echter Verantwortung
Die Geschichte liest sich zunächst wie eine muntere Wiederaufnahme der Abenteuer der Langerud-Kinder und denen aus Bullerbü, von Michel und Madita, vermischt mit einem guten Schuss Tjorven von Saltkrokan. Die Landschaft ist eine großartig geschilderte Winteridylle, der darauffolgende Frühling ein Bilderbuch-Frühling. Die haarsträubenden Unternehmungen Tonjes sind so witzig aufgezogen, dass es ein Weilchen dauert, bis einem dämmert, dass die Beziehungen der Figuren untereinander keineswegs idyllisch sind. Tonje wächst in einer liebenden Familie auf, aber die Mutter lebt meist weit weg von Glimmerdal, sie ist Meeresbiologin. Der Vater ist Bauer und Schafzüchter, man kommuniziert via Email. Niemand vor Ort hat Kinder, es leben nur ältere und alte Leute hier, die jüngeren sind in die Stadt gezogen. Gunnvald lebt allein in einem riesigen Haus, sein wichtigster Kontakt nach außen ist eine Neunjährige, eben Tonje.
Mit einer »halben« Familie, einer Mutter mit drei Kindern, die zufällig ins Hagens Wellness-Camping landet, kommt der erste lautere Misston in das schöne Leben. Der Vater hat die Familie verlassen. Es kommt noch schlimmer, es stellt sich heraus, dass auch Gunnvald eine Familie hatte. Fehler, die Eltern machen und die ihre Kinder tief verletzen, treten zutage. Der Schreck bringt Tonje so durcheinander, dass sie sich von ihrer am wenigsten sympathischen Seite zeigt. Die Erkenntnis schmerzt. Ein Heilungsprozess muss nicht nur für Gunnvalds Bein einsetzen.
Das Lied vom Verzeihen und von der Liebe
Im Unterschied zur üppig ausgemalten Landschaft und der detaillierten Beschreibung der einzelnen Ereignisse skizziert die Autorin ihre Figuren mit wenigen Strichen. Dafür stattet sie sie mit besonderen Eigenheiten aus, die sich beim Lesen sofort ins Gedächtnis einprägen, und über die Personen mehr aussagen als eine eingehende Beschreibung. Dazu gehört z.B. der Pullover von Tonjes Mutter, der nach Meerwind und eben nach Mama riecht, das gute Essen ihres Vaters, vor allem aber Gunnvalds Geigenspiel. In all dem zeigt sich die wahre Persönlichkeit. Worten kann man nicht immer vertrauen. Auch der Konflikt zwischen Hagen und Tonje rührt daher. Tauwetter zwischen den beiden tritt erst ein, als sich beide bemühen, einander zuzuhören.
Tonjes Kampf mit dem Neuankömmling wird dementsprechend zu einem richtigen Krieg. Die Schlachten, die Parr eine Mitvierzigerin und eine Neunjährige miteinander ausfechten lässt, gehören zu den denkwürdigen Szenen im modernen Kinderbuch, nicht zuletzt deshalb, weil die beiden zugleich gegen sich selbst kämpfen müssen.
Der Erzählton und der ganze Tenor der Geschichte zwischen idyllisch und harsch findet sich in den Schwarz-weiß-Illustrationen von Heike Herold wieder, denen die prominenten schwarzen Flächen die scharfen Konturen einer eigentlich harten Realität verleihen.
Es endet mit einer glücklichen Note, wie es sich gehört für eine Geschichte über ein kleines Mädchen, das in seinen besten Momenten sogar einem Troll etwas Gutes abgewinnen kann. Das Märchen gibt es im Anhang noch dazu.
Was der Autorin gelungen ist, ist, ältere Motive aus klassischen Kinderbüchern mit vielen gescheiten Überlegungen zum schwierigen Familienleben heute zu verbinden. Es ist eine zeitgemäße Geschichte geworden, obwohl sie die Tradition an keiner Stelle übergeht. Im Gegenteil nimmt sie ebenso liebevoll mit herüber, wie sie ihre Figuren zum Leben erweckt. Ihre ganz große Verneigung gilt dabei allerdings nicht ihren skandinavischen Kolleginnen, sondern, eine schöne Überraschung, Johanna Spyris Heidi.

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