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Freitag, 25. Mai 2012 | 21:51

Jana Wilsky: ABC

21.02.2011

Zoologisches Abecedarium

Mit federleichtem Strich entführt uns Jana Wilsky in eine filigrane Bilderwelt. Ihr ABC verknüpft das Lernen der Buchstaben mit dem Lernen von Tiernamen und lässt, obwohl für die Allerkleinsten gedacht, manch Erwachsene das zauberreiche Land der Poesie neu erkunden. Von MONIKA THEES

 

Kein quietschgelbes A quakt uns an, kein poppig rotes B springt ins Auge und auch keine didaktische Anweisung mahnt zum sauberen Nachspuren in Normschrift. Nein, hier trällert keine wohlmeinende Kitafachkraft das Abc-Lied und trommelt dazu die alte Vorschul-Leier: A, B, C, Lesen tut so weh, D, E, F, das hat doch keinen Pfeff(er), G, H, I, es geht auch anders. Wie? Jana Wilskys ABC hebt sich wohltuend ab von grellbunten Leselern- und mit dem Stempel pädagogischer Korrektheit etikettierten 08/15-Unterrichtsbücher. Die junge Grafikerin und Illustratorin aus Potsdam gestaltet die Welt der Buchstaben als filigranes Zauberreich. Es öffnet sich dem, der neugierig ist und wache Augen hat, dem, der versteckte Wege erkunden, die Geheimnisse der Namen und Schrift entdecken will. Zarte grafische Gebilde, genannt Buchstaben, verbinden sich mit dem Bild, lassen sich formen zu Wörtern, Sätzen, zu Geschichten – ganz leise, ganz vorsichtig werden Wesen lebendig, denen eine eigene Magie gegeben ist, die Zauberkraft der Fantasie.

 

Zehn kleine Ameisen, gezeichnet mit schwungvollem Strich, die Körper mit preußischblauer Tusche durchscheinend koloriert, formieren sich zum Kreis. Sie tanzen einen Reigen, ihre Anfangsbuchstaben, das A in unterschiedlicher typografischer Ausformung, dünn, dick, mit plastischem Volumen oder hauchzart flach, begleiten die krabbelnden Tierchen – als leichte Rucksäcklein, der Ameise ganz zugehöriges Initial. Auf der gegenüberliegenden Seite präsentieren die A’s, krumm, schief, mit Serifen und ohne Bälkchen, in Reihaufstellung ihre Buchstabenkörper in feinster typografischer Vielfalt und Form. Auf der nächsten Seite stellt sich das kleine B mit vorgewölbtem Bauch vor, einer Rundung, die Einblick gewährt in einen verborgenen Innenraum. Aus ihm lugt ein Exemplar Bär hervor, umgeben von kleinen B’s, die den Wohn- oder Wortraum des kleinen Petz bevölkern. »Zu jedem Buchstaben gehört ein Tier – kannst du es erkennen?», lautet die kurze Aufforderung auf der Rückseite des Bandes, er ist der einzige, alleinige Satz in diesem Buchstaben-Bild-Wörterbuch.

 

Filigranes Universum der Zeichen und Formen

Jana Wilsky, 1979 in Potsdam geboren, studierte an der dortigen Fachhochschule Kommunikationsdesign und ist seit 2008 freiberuflich tätig in den Sparten Illustration, Grafik, Design und Malerei. Wer ihre künstlerischen Arbeiten aus Gruppen- oder Einzelausstellungen kennt, weiß um den feinen, genuinen Stil der jungen Grafikerin. Reduziert, verknappt und pointiert fängt er auf, was der Sphäre der Fantasie entsprungen sich manifestiert in poetisch-zarten Traumgeweben. Mit Feder und Tusche entsteht bei Wilsky ein filigranes Universum der Zeichen und Formen, lyrisch, auch musikalisch in der Komposition, oft nur Andeutung und damit Anregung als auch Einladung, genau und konzentriert hinzusehen. Der Fisch schwimmt in einem bewegten Meer von F’s, die Gans watschelt über die Seite, gefolgt von kleinen G’s, der Dackel trippelt auf einem Buckelpflaster von lauter kleinen D’s, das Chamäleon hangelt sich an einer Liane aus C’s empor und aus dem Bild.

 

Jana Wilskys skurril-fantastische Bilderwelt ist weit entfernt von einem gut meinenden Realismus, der die kindliche Vorstellungswelt eher hemmt denn fördert. Ihr ABC beschreitet, im Gegensatz zur Massenproduktion gängiger Leseanfängerbände, einen anderen, überraschenden Weg, den des Spiels, einen der offenen Räume mit reichlich Platz für die Weite eigenen Entdeckens und lustvollen Probierens. Der massige Elefant, mit grau-weiß-preußischblauem Körper und langen Wimpern an den weiß umrandeten Augen, balanciert seine E’s auf leicht geschwungenem Rücken, der Otter, der hinter einem Bullauge voller O’s blubbert, und die Spinne, deren Netz sich aus unzähligen S’s spannt – zeichnerischer Witz und Leichtigkeit verbinden sich bei Jana Wilsky zu einer Bilder-Schrift-Welt mit poetisch-zartem Eigensinn, mit spielerischem Charme und sensibler Stimmigkeit.

 

Über die Tiere, von A wie Ameise über M wie Maus bis Q Qualle, W Wal und Z Zebra, erschließt sich die bildhafte Vorstellungswelt des Kindes, das abstrakte Zeichen des Buchstabens ist integriert in diesen zeichnerischen Kosmos und führt gleichzeitig hinaus in die reine Laut- und Schriftlichkeit der Sprache. Nicht verniedlichend anbiedernd, sondern dezent zurückhaltend vermittelt diese wundeschön und bis in das Detail mit großer Achtsamkeit und Liebe gestaltete Pappbilderbuch den ersten Schritt ins Lesen. Zusammen mit einem Elternteil, einem Lesepartner oder gemeinsam in der Gruppe lassen sich Geschichten entdecken, die behutsam weiterführen in die unermesslich reiche Welt der Bilder und Worte, ganz ohne neonbunten Overkill und bonbonfarbene Klebrigkeit so mancher Leselernbücher aus der Retorte. Jana Wilskys ABC verzichtet auf laute Töne und schrilles Gedröhn – und hat deswegen umso mehr anerkennende Aufmerksamkeit verdient.

 

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