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Freitag, 25. Mai 2012 | 21:51

Michail Lermontow: Ashik Kerib

28.03.2011

Einladung ins Märchen

»Kinder brauchen Märchen«, lautet das Schlagwort! Schaut man genauer hin, so kann man rasch feststellen, dass man den Begriff »Kinder« unschwer durch »Menschen« ersetzen kann. Märchenbücher finden sich nicht nur im Kinderzimmer. Erzählt werden Märchen gleichfalls nicht nur Kindern, viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller haben sich dieser Form angenommen. Das kleine Verlagshaus Mesheryakov verbindet mit der Neu-Ausgabe von Michail Lermontows Fassung von Ashik Kerib gleich mehrere der oben genannten Faktoren. Ein Märchenklassiker aus der Feder eines der bedeutendsten russischen Schriftstellers in neuester Ausstattung für Jung und Alt. Von MAGALI HEISSLER.

 

Magul-Megeri, die Schönste unter den schönen Mädchen von Tiflis, liebt Kerib. Sie ist reich, er ist ein armer Ashik, ein Spielmann. Weil sie nicht zusammen kommen können, verlässt Kerib die Stadt mit dem Versprechen, nach sieben Jahren als reicher Mann zurückzukehren. Es kommt, wie es kommen muss im Märchen. Er vergisst Magul-Megeri, sie soll einen anderen heiraten. Im letzten Moment kehrt Keribs Erinnerung zurück und nun kann ihm nur noch ein Wunder helfen. Weil es sich aber um ein Märchen handelt, passiert gleich ein halbes Dutzend davon.

 

Eine große Geschichte in schlichten Worten

Die Geschichte des Spielmanns Kerib und seiner treuen Liebsten ist sehr alt und hat ein Ausbreitungsgebiet, das von der Türkei bis fast in die Mongolei reicht. Gleichfalls nur mit Superlativen zu fassen ist ihr Thema: die alles überwindende Liebe. Diese bringt nicht nur ein Paar zusammen, sondern heilt auch Kranke und ist am Ende umfassend friedensstiftend. Im Reich der Liebe gibt es keine Bestrafung nach klassischer Manier, es genügt, wenn der Unterlegene auf den höchsten Preis verzichten muss und sich mit dem zweiten zufriedengibt.

 

Lermontow hat diese Geschichte 1837 in der vorliegenden Fassung niedergeschrieben. Er hat einfache und klare Worte gefunden, ein Grund dafür, dass sie sich heute fast modern liest. Es gibt nur wenig Ausschmückungen, keine wuchernde Metaphernwelt, Schlichtheit regiert. Farbigkeit gewinnt sie aus den blanken Gefühlen. Die tiefe Liebe der Hauptfiguren, der Schmerz der Trennung, die Ängste Magul-Megeris, als Kerib nicht wiederkehrt, der Schrecken Keribs, als ihm klar wird, dass er seine Zeit fast überschritten hat. Das tritt einem beim Lesen ganz unmittelbar entgegen, das ist nicht nur Märchenstil, das ist das Ergebnis kunstvoller Bearbeitung.

 

Farbig, schwerelos, überzeitlich

Mühelos verbinden sich in diesem Märchen, vom Verlag als »türkisch« bezeichnet, Liebesgeschichte, Abenteuer und Elemente zweier unterschiedlicher Religionen. Der allseits verehrte Schutzpatron eines großen Teils des Gebiets, zu dem dieses Märchen gehört, der heilige Georg, wird zum wundertätigen Retter des muslimischen Liebespaars.

 

Die Illustratorin Jelena Abdulajewa hat die passenden Bilder zu Lermontows Text gefunden. In sanften Farben und einem weichen Strich zeigt sie eine orientalische Welt, ohne in Orientalismus-Kitsch zu verfallen. Ihre Bilder sind märchenhaft, aber nicht verklärt. Sie wirken eher wie Traumbilder, sind jedoch zugleich voller Bewegung und spiegeln durchaus auch die Spannung mancher Situationen wieder. Neben großen Bildseiten schmücken Vignetten die meisten Seiten, Weinblätter, Teekannen, Früchte, aber auch winzige Darstellungen der handelnden Figuren. Den unteren Seitenrand ziert eine Schmuckleiste. Das vorherrschende Gelb-Braun und Grau-Grün der Farbpalette ist eine richtige Überraschung und lässt das Ganze zugleich modern wirken.

 

Die neue Übersetzung von Claudia Zecher ist gleichfalls zeitgemäß, gibt deswegen die überhöhte Märchensprache aber keineswegs auf. Nie lässt sie einen vergessen, dass man eben eine Geschichte voller Wunder liest.

 

Ein kurzes Glossar im Anhang, von »Agha« bis »Turkestan«, erklärt die »schweren« Wörter, worüber sich nicht nur Kinder freuen werden. Was fehlt, ist eine kurze biographische Skizze Lermontows. Schließlich ist diese Geschichte nicht nur ein Märchen, sondern zugleich ein Stück geschaffene Literatur. Der Autor hat durchaus seine Bedeutung hier.

 

Insgesamt ist das schmale Bändchen eine sehr geglückte Verbindung von Alt und Neu. Es belegt auf schöne Weise die Überzeitlichkeit von Märchen ebenso wie die von Klassikern.

 

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