Es beginnt als harmloses kleines Abenteuer im achtzehnten Stock einer großen grauen Wohnhausanlage. Dort wohnt Tobias mit seinen Eltern und träumt von Wäldern mit geheimnisvollen Pflanzen und Bäumen. Wenn Tobias irgendetwas nicht ausstehen kann, ist es die Farbe Grau.
In jeder Packung Filzstifte, die er geschenkt bekam, waren es die grünen Stifte, die als erste ausgemalt und farblos im Papierkorb landeten, während sich in einer Keksdose die grauen Filzstifte ungebraucht stapelten. Einmal hatte sein Vater die volle Dose gefunden. "Du bekommst neue Stifte, wenn du auch dieses Grauen aufgebraucht hast", hatte er verärgert gesagt.
"Ich kann nicht." Halb trotzig, halb um Verständnis bittend, hatte Tobias seinen Vater angeschaut.
"Mal die Mondoberfläche", hatte dieser vorgeschlagen. "Mit hundert kleinen, grauen Kratern."
"Nein."
"Wie wäre es dann mit einer grauen Elefantenherde auf einer Autobahn?"
"Nein."
"Graue Haifische in einem aufgewühlten grauen Meer unter einem wolkenverhangenen grauen Himmel?"
"Nein!"
"Ich kaufe dir erst wieder Filzstifte, wenn alle grauen Stifte ausgemalt sind." Tobias' Vater hatte schließlich die Geduld verloren. "Auf der Welt findet man alle Farben und es gibt deshalb keinen Grund, Grau nicht zu verwenden. Es ist eine Farbe wie jede andere auch."
Das ist sie nicht, hatte Tobias gedacht. Aber er hatte still und heimlich die Dose mit den grauen Stiften genommen, war klappernd hinunter in den Hof marschiert und hatte die graue Betonmauer so lange grau bemalt, bis jeder Stift aufgebraucht war. Daraufhin hatte er eine neue Packung bekommen.
Tobias' Protest ist eher von der leisen Sorte. Ein Wettbewerb verändert sein Leben. Kinder werden aufgefordert, einen Spielplatz zu entwerfen und Tobias möchte sich daran beteiligen. Er träumt schon von seinem Abenteuerspielplatz, den er mit der Präzision eines Gartenarchitekts gestaltet. Und dann kommt er auf die Idee, das vorgesehene Gelände einmal in Augenschein zu nehmen. Jetzt beginnt das wahre
Abenteuer, denn das von der Gemeinde vorgesehene Grundstück entpuppt sich als von der Außenwelt total abgeschotteter Garten, in dem drei alte Schwestern leben. Mit Hilfe von Stefanie, seiner neuen Freundin, erkundet Tobias das geheimnisvolle kleine Paradies und macht schließlich die Bekanntschaft der merkwürdigen Damen. Rachel van Kooij gelingt es, überzeugend die Probleme von ganz alten und ganz jungen Menschen zu schildern. Kinder und Senioren sind Randgruppen, die keiner so recht ernst nehmen will. Wenn man es täte, könnten verblüffende Lösungen für die Probleme unserer Zeit entstehen. Vielleicht solche Projekte, wie es Das Vermächtnis der Gartenhexe vorsieht. Zivilcourage und Phantasie braucht man dazu.
Van Kooij verzichtet auf ein zu unglaubwürdiges Happy End sondern lässt das Gelingen eines aufsehenerregenden Plans offen. Was sie den jungen Lesern gönnt, ist eine neue Annäherung von Sohn und Eltern. Und das ist doch schon eine ganze Menge für ein gelungenes Kinderbuch.
Andrea Wanner
Rachel van Kooij: Das Vermächtnis der Gartenhexe.Verlag Jungbrunnen 2002. Gebunden. 120 Seiten.
Ab 9 Jahren. 12,20 ¤.
ISBN: 3-7026-5744-4