Mitten in Berlin verdienen sich Hakan und seine Kumpels ein bisschen Geld mit Break Dance. Und mitten in Berlin lebt Hakan auch sein Leben zwischen den Kulturen. Gemeinsam mit seinen Freunden Daffyd, einem deutschen Nachbarjungen, und Wahib aus Somalia träumt er von einem eigenen Café. Noch sind die drei zu jung dafür, aber man kann nie früh genug damit beginnen, Pläne zu schmieden. Schließlich ist es das trostlose Leben seines Vaters, das ziellos verrinnt, das Hakan am meisten Angst macht. So will er nicht werden. Für diesen Mann, der in seinen Augen sein wahres Leben in der Türkei zurückgelassen und längst alle Wünsche aufgegeben hat und nur noch arbeitslos seine Tage mit Spaziergängen durch die Stadt verbringt, hat Hakan eigentlich nur Verachtung übrig. Ausgerechnet am Tag des Zuckerfests verschwindet Hakans Vater und die drei Freunde machen sich gemeinsam auf die Suche nach ihm.
Ihr Weg führt sie quer durch die Großstadt. In einen zur Moschee umgebauten ehemaligen Edeka-Laden, in Wohnungen und Bars. Unwillkürlich hält man den Atem an, wenn Hakan, Daffyd und Wahib in einer Kneipe auf eine Gruppe Glatzen mit Springerstiefeln stößt. "Vorsicht - Kaputtniks!" lautet die gezischte Warnung - aber unter Umständen liegen die Freunde mit der Einschätzung einer Situation wieder mal völlig daneben.
Mit zwei Queues, die in seinen Pranken wie Streichhölzer wirkten, erschien nun
Der Koloss selbst am Durchgang und scannte mit seinen viel zu kleinen Knopfaugen den Raum. Sein Blick schweifte weiter, weiter, weiter, bis er an Hakan haften blieb.
Meat Loaf ist der Boss, blitzte es Hakan durch den Kopf, alle haben auf ein Zeichen von ihm gewartet. Jetzt geht es los. Wahib, beeil dich! Wie aber sollte der ahnen, dass sich die Lage drinnen so zugespitzt hatte?
Der Fleischberg kam ins Rollen, mit seitlich ausholenden Schritten bewegte er sich auf Hakan zu. Offenbar kniff die Hose im Schritt, ließ keine andere Gangart zu. Etwa einen Meter von Hakan entfernt blieb er stehen und stieß eines der Queues auf den Boden. Aus der Nähe roch er ranzig wie ein Grizzly unter dem Arm.
"Ich kann nicht!", sagte Hakan mit gepresster Stimme. Peinlich leise.
Das Queue bewegte sich keinen Millimeter.
"Ich kann!" Daffyd stand auf.
Daffyd, guter Freund, dachte Hakan. Du hast dich geschnitten, wenn du glaubst, du hättest weniger zu befürchten als ich. Sie würden jeden hernehmen für ihren Spaß.
Das Queue blieb, wo es war. Meat Loaf wedelte Daffyd mit einem Wurstfinger vor der Nase als letzte Warnung, die Schnauze zu halten. Dann zeigte der Finger auf Hakan. Er war der Auserwählte. Hakan nahm das Queue entgegen. Ließ er sich am grünen Tisch verhöhnen, wäre Zeit gewonnen, kostbare Zeit, die Wahib brauchte, um zu schnallen, was vorging. Und vielleicht gäbe ja schließlich der Freak doch noch seinem Herzen einen Stoß.
Vorurteile hat jeder. Vielleicht kann es gelingen, ein paar davon abzubauen. Zufällige Begegnungen lassen grundverschiedene Welten aufeinander prallen. Ohne moralisierenden Kommentar bleiben die kontroversen Meinungen nebeneinander stehen. Und vielleicht gibt es tatsächlich irgendwann in Berlin eine Kneipe, die Sonnentrinker heißt, und in der ganz unterschiedliche Typen miteinander ins Gespräch kommen. Kemal Kurt gelingt mehr als nur eine Berliner Milieustudie. Seine multikulturell geprägte Story ist eine nachdenkliche Geschichte von Träumen und dem Mut, diese Träume auch in die Tat umzusetzen.
Andrea Wanner
Kemal Kurt: Die Sonnentrinker.
Altberliner 2002. Gebunden. 222 Seiten.
Ab 14 Jahren. 12,50 ¤.
ISBN: 3-357-00519-02